I   Überlegungen zum Phänomen des Antiamerikanismus

 

 

Gliederungsübersicht:

 

Auffassungen von Antiamerikanismus

1. Antiamerikanismus versus Proamerikanismus

2. Antiamerikanismus oder Amerika-Kritik

3. Kennzeichen des Antiamerikanismus

4. Kennzeichen einer kritisch-rationalen Amerikakritik

5. Formen und Ausprägungen des Antiamerikanismus

6. Das Amerika-Bild der Deutschen

7. Ursachen des gegenwärtigen Antiamerikanismus

8. Abwehr des Antiamerikanismus-Vorwurfs

9. Schlussfolgerungen

10.Literaturhinweise

 

 

 Die Diskussion über einen einerseits spezifischen deutschen, andererseits auch einen international verbreiteten Antiamerikanismus hat mittlerweile eine eigene Geschichte, wird jedoch in der Folge des US-amerikanischen „Engagements“ im Nahen Osten seit 1990 und aktuell seit dem Amtsantritt von Donald Trump als Präsident intensiver und schärfer geführt, als in den Jahren zuvor.

 

Unterschiedliche Auffassungen von Antiamerikanismus

 

Wie so häufig, wenn es um werthaltige oder abwertende Begriffe im politischen Sprachraum geht, beobachten wir sehr unterschiedliche Auffassungen und Anwendungen des Schlagworts – sowohl in Abhängigkeit vom aktuellen Zeitgeschehen wie auch von den jeweiligen Beziehungen der politischen Beobachter zu den USA.

Wie gesellschaftliche Gruppen das Phänomen einer negativen USA-Sicht bewerten und einordnen, hängt – wie so häufig – von ihren je verschiedenen Interessenlagen und Lagerbindungen ab, die sich vereinfacht drei Gruppen zuordnen lassen: Die eine Gruppe von Kommentatoren sieht den Antiamerikanismus als Ausdruck einer einseitigen und feindseligen Ideologie, die aus Parteilichkeit und Voreingenommenheit resultiert. Hier finden sich einmal Vertreter eines uneingeschränkten Proamerikanismus, der auf eine weitgehende Identifikation mit amerikanischen Politikinhalten oder Kultur- und Handlungsmustern zurückzuführen ist. Eine zweite Gruppe kritisiert ebenfalls einen pauschalen Antiamerikanismus und weist die darin enthaltenen Zerrbilder zurück, ist aber bestrebt, einerseits zwischen von Vorurteilen geleiteten Einstellungen aufgrund offensichtlicher Vorbelastungen und andererseits einer skeptischen Distanzierung zu differenzieren. Somit ist diese Gruppe bereit, eine ernst zu nehmende (Grundsatz-)Kritik an den USA anzuerkennen, ohne jedoch zugleich die USA pauschal zu desavouieren.

 

Eine dritte Gruppierung stellt die Berechtigung antiamerikanischer Positionen nicht in Frage, heftet sich allerdings dieses Etikett auch nicht ausdrücklich an bzw. weist den Vorwurf einer Scheuklappensicht zurück. Diese Fraktion ist jedoch keineswegs homogen, sondern hat historisch und ideologisch sehr verschiedene Wurzeln. Hierauf werde ich im weiteren Verlauf noch eingehen.

Bevor ich die Symptomatik der herrschenden USA-Kritik in ihren verschiedenen Ausprägungen genauer betrachte, möchte ich zur Klärung des Gesamtzusammenhangs eine kurze Überlegung zum allgemeinen Spannungsverhältnis zwischen Pro- und Anti-Positionen anstellen.

 

Was bedeutet der Vorwurf der Voreingenommenheit gegenüber einem Staat oder einem politischen System?

 

 Der Vorwurf einer „grundsätzlichen“ Anti-Haltung gegenüber speziellen Staaten wie den USA oder Systemen wird sehr oft von dem Hinweis auf die Ächtungswürdigkeit aller so bezeichneten Anti-Haltungen begleitet und macht sich die Wirksamkeit eines solchen Stigmatisierungsvorwurfs zu Nutze. Allein durch die Verwendung des negativen Präfix‘ „Anti“, so lautet die Kritik, werde zum Ausdruck gebracht, dass alle Einwände und Kritikaspekte gegen eine Denkrichtung, politische Anschauung oder eine gesellschaftliche Organisationsform einer zwanghaft negativen und damit vorstrukturierten Perspektive bzw. Verzerrung unterliegen. Mit dieser negativen Typisierung einer verallgemeinerten kritischen Einstellung wird jedoch in den meisten Fällen selbst nur ein Stereotyp angewandt, denn mit dem Hinweis auf eine summarische Anti-Haltung (gegen etwas) wird meistens unterstellt, die geäußerten Vorwürfe seien eigentlich nicht begründet oder würden unabhängig von relativierenden Erfahrungen keiner Revision unterzogen. Auf diese Weise wird die einer Anti-Haltung bezichtigte Person tendenziell für dauerhaft befangen erklärt und damit mundtot gemacht, denn kritische Äußerungen gegenüber den USA gelten aus der Sicht des Proamerikanismus als voreingenommen, da sie schließlich aus „einer belasteten Ecke“ kommen. Sie werden insofern als ideologisch vereinseitigt angesehen, denn ihnen geht – wie unterstellt wird – nicht die objektive Sicht auf die Fakten voraus, sondern sie bestätigten lediglich den immer schon bestehenden Verdacht, dass man es bei amerikanischen oder anderen nationaltypischen Verhaltensweisen und Politiken notwendig mit Entgleisungen zu tun hat.

 

 

Antiamerikanismus – eine Antwort auf den programmatischen Proamerikanismus?

 

 Antiamerikanismus wird seltener aus der neutralen Beobachtungsperspektive heraus diagnostiziert, sondern steht oft – wie bereits angesprochen – in einem signifikanten Verhältnis zu seiner Gegenposition, dem Proamerikanismus. Dieses Bedingungs-verhältnis bedarf einer genaueren Betrachtung, da es in sehr vielen Diskussions-zusammenhängen eine wesentliche Rolle spielt. Betrachten wir kurz die Züge eines Proamerikanismus, der gern in Anschlag gebracht wird, um den antiamerikanischen Kritiker zu desavouieren und als Feind der USA zu entlarven? Was bewirkt er und worauf zielt er ab?

 

 Die am leichtesten einzusehende Funktion des Proamerikanismus besteht darin, ein Freund-Schema zu schaffen und solche Bewertungen zu delegitimieren, die von der eigenen Position abweichen. Aus dieser Sicht werden für legitim gehaltene proamerikanische Deutungen ohne Anerkennung von differenzierenden und kritisch abwägenden Einstellungen zu den USA von illegitimen Deutungen getrennt. Durch Abwehr, Nichtanerkennung oder auch Diffamierung amerikakritischer Meinungen wird also eine proamerikanische Deutungshoheit im Politikdiskurs durchgesetzt, die dann und dadurch funktioniert, dass man einen zweifelhaften Dankbarkeitsdruck ausübt und daraus abgeleitet Folgebereitschaft wenn nicht Unterwerfung unter die Dominanz einer überlegenen Macht als notwendig, weil dem Eigeninteresse dienend voraussetzt. Eine proamerkanische Meinungsbildung und Einstellungsverfestigung über alle Themen und Zusammenhänge hinweg erzwingt dann ein Lager- und Lagerbestätigungsdenken nach dem Motto: „Wer nicht mit uns Guten ist, ist gegen uns“ und erweist sich allein aufgrund des dichotomischen Vereinfachungsdenkens politisch ebenso falsch wie selbstschädigend.

 

Proamerikanismus bedeutet letztlich für die politische Praxis Verteidigung gegen einen gemeinsamen Feind unter Führung der USA (auf der Basis einer nicht hinterfragten Ideologie „freiheitlich“-westlicher Dominanz) und bewirkt damit zugleich einen Gruppenschließungszwang mit der Konsequenz eines festgefügten Frontdenkes, an dem zu zweifeln heißt, sich „unlogisch“ oder „feindselig“ zu verhalten.

 

Antiamerikanismus oder Amerika-Kritik?

 

Nach genauerer Betrachtung der Amerika-Skepsis aus vorwiegend deutscher Perspektive will ich im Folgenden auf die Frage einer möglichen Erklärung des Antiamerikanismus und auf den Unterschied zu einer weniger pauschalisierenden und rechtfertigbaren Amerika-Kritik zurückkommen, die sich bei aller Deutlichkeit in ihrer Ablehnung von bestimmten Facetten des amerikanischen Erscheinungsbildes i.d.R. durch ein disziplinierteres Reflektieren auszeichnet. Bei aller Bemühung um eine Abgrenzung zwischen Antiamerikanismus und Amerikakritik ist dennoch festzuhalten, dass beide Modi des Bewertens auf zum großen Teil übereinstimmende Erfahrungen, Eindrücke und Einstellungsobjekte zielen. Anders gesagt: Anti-Amerikanismus und Amerika-Kritik unterscheiden sich nicht in der Manifestation einer dezidiert kritischen Sicht auf die amerikanischen Politik und Gesellschaft und ihrer öffentlichen Bekundung, wohl aber in der Art und Weise ihres Vortrags, ihrer Tonalität und Reflektiertheit.

 

Gemeinsamkeiten

 

Zunächst möchte ich auf einige Ähnlichkeiten und Gemeinsamkeiten zwischen argumentativ gestützter Kritik und pauschaler bzw. stereotyper Ablehnung des politischen und gesellschaftlichen Systems der USA verweisen, deren Vorhandensein das Ziehen einer klaren Trennungslinie manchmal erschwert.

Beide Erscheinungsformen der Distanzierung von USA-Eigenschaften haben im Prinzip identische Funktionen, und zwar in Hinblick auf die Art der Aufarbeitung der eigenen gesellschaftlichen Realität, auch wenn es dabei wesentlich graduelle Unterschiede gibt.

In jedem Fall geht es bei skeptischen Beurteilungen der USA, wie schon erörtert, häufig auch um

-   Projektionen eigener Verhaltensanteile auf andere (Abwehr eigener    
    Betroffenheit und eines „schlechten Gewissens“)

-   Selbstentlastung/Selbstschutz (z.B. von Anklagen wie Aggressivität,
    Militarismus oder Konsumhaltung), z.T. mit kathartischer Wirkung

-   Selbstgerechtigkeit oder Selbstüberhebung (wegen der besseren
    Handlungsweise)

-   Verteidigung (pseudo-)moralischer oder sozialer Standards durch
    Abwertung der Versager

-   Affektabfuhr, die der Neuordnung eigener Positionen und
    Handlungsmpulse dienen kann (in Verbindung mit Entlastung wird die
    Voraussetzung für eine neue Ich-Stärkung geschaffen) und die eine 
    womöglich verlorene Gefühlshomöostase wiederhergestellt

-   Die Bewältigung einer Betroffenheitssituation, in der wir uns abhängig,
    verstrickt und zur Passivität gezwungen fühlen (Befreiung von eigenen
    Versagens- bzw. Abhängigkeitsgefühlen

-    Eine Vereinfachung, die uns als Handlungs- und Urteilsgrundlage dient
     (und damit zu einer schnelleren Verhaltensauslösung).

 

 Weitere Ähnlichkeiten kommen in denkstruktureller (kognitionstheoretischer) Hinsicht hinzu:

-   Unsere Verarbeitungsmöglichkeiten von wahrgenommener Vielfalt an 
     Eindrücken und Fakten und ineinandergreifenden Elemente sozialen 
     Handelns sind begrenzt

-   Wir können immer nur Erfahrungsausschnitte wahrnehmen, die eine
     vollständige Einsicht in Zusammenhänge nicht erlauben (Prinzip der 
     Iterativität und Induktion)

-   Vielseitige und unterschiedliche Beobachtungen in der Praxis müssen unter
     eine Rubrik (Oberbegriff) eingeordnet werden, um sie der Bewertung und
     weiteren Handlungsplanung verfügbar zu machen. Dies erfordert den
     zwangsläufigen Rückgriff auf Generalisierungen, Oberbegriffe oder
     schlussfolgernde Verdichtungen in Form von resümierenden
     Gesamturteilen

-   Generalisierungen von Einzelbeobachtungen erfolgen nicht nur
     „notwendig“, sondern werden durch Affekte (und Interessen) gefördert, die 
     den Pauschalisierungen einen bestimmten Effet geben (es nutzt uns, eine
     Wahrnehmung auf bestimmte Weise zu kategorisieren)

-   Hiermit verbunden ist sowohl bei Antiamerikanismus wie bei der 
     amerikakritischen Äußerungen die unbestreitbare Abhängigkeit von
     umfassenderen Denk- und Handlungsdispositionen (Reaktions-
     bereitschaften), denen dann konkret vorgenommene Bewertungen/Urteile 
     unterliegen (Regel & Fall = etwas im Lichte eines Deutungsmusters) sehen.

-   Mögliche negative Tendenz: „Automatisierte“ Kategorisierungen, wie sie
    bei Stereotypen“ vorkommen, können im negativen Fall über eine
    Meinungsstabilisierung hinaus zu Erstarrungen und Denkblockaden führen
    (die ein kritisches Ausmaß erreichen können).

 

 Darüber hinaus wirken sich schließlich noch weitere Einflussgrößen auf jede Form der Kritik an sozialen Gruppen oder Nationalcharakteren aus, die mit den genannten strukturellen Faktoren in Zusammenhang stehen. Dazu gehört, dass

-   wir in der Beurteilung der USA befangen sind und unter dem Druck der
     herrschenden Ideologieproduktion wie auch der direkten ambivalenten
     Erfahrungen stehen

-   wir immer nur Erfahrungsausschnitte überblicken, die eine vollständige
     Sicht auf alle Ereignisse und Gegebenheiten nicht erlauben

-   wir in einer Situation realer Betroffenheit, Abhängigkeit und politischer
     Verstrickung gefangen sind, die uns häufig und weitgehend zur Passivität
     zwingt und daher Abwehrreaktionen hervorruft und dass

-   wir unter dem unvermeidlichen Druck einer (notwendigen) Affektbindung
     stehen, die sich in unterschiedlichen Graden durchsetzt, d.h. in einem Fall
     mehr, im anderen weniger eingesehen und beherrscht werden kann.

 

Relevante Unterschiede zwischen Antiamerikanismus und Amerika-Kritik

 

Kennzeichen des Antiamerikanismus

 

Von „typischen“ antiamerikanischen Äußerungen lässt sich sagen, dass in ihnen ein starkes Generalisierungsmoment zur Geltung kommt. Vorurteile haben einen zwingend vereinfachenden Charakter, weil sie wahrnehmungs- und einstellungsdeterminierend sind. Das Pauschalurteil wie das Ressentiment bewirkt eine permanente Gleichschaltung von „neugewonnenen Erkenntnissen“ durch Anpassung an einen schon bestehenden Rahmen. Vorurteile haben insofern eine apodiktische, normierende und selbst bestätigende Funktion.

Antiamerikanische Äußerungen treten formal auf als Urteilsverknüpfungen, stabile Wiederholungen, Generalisierungen (Allaussagen), als affektive und reduktionistische Urteile sowie an einem hintergründigen oder auch direkt geäußerten Dualismus von ‚gut – schlecht‘ bzw. ‚verwerflich – anerkannt‘, ‚Sie – Wir‘ (them – us), ‚minderwertig – höherwertig‘ u.a. Darüber hinaus verfestigen sich im Antiamerikanismus ablehnende Einstellungen und führen so zu einem Schema von Zuschreibungen (Etikettierungen), die nicht hinterfragt und aufgebrochen werden.

 

Der Vorteil einer grob gerasterten Überzeugungsbildung liegt auf der Hand: Pauschalisierungen stabilisieren Verhaltensdispositionen. Wer „klare Verhältnisse“ sieht, muss selbst sich wandelnde oder komplex erscheinende Phänomene nicht neu verstehen und damit ältere Muster und Kriterien überprüfen. Dieses Beibehalten von gewohnten Positionen und Denkfiguren wird auch dadurch entscheidend gestärkt, dass auf diese Weise die unbewusst wirkenden Motive eines Ressentiments nicht aufgedeckt werden. Urteile dieser Art haben häufig eine charakteristische Aussagen- bzw. Satzstruktur, etwas der Art: „Es ist wieder mal typisch für die Amis, dass…“; „der Amerikaner neigt gewöhnlich…“; „wie alle Amerikaner hat auch X sich unmöglich verhalten“; Es ist doch immer wieder so, dass die USA in der Situation X zu Y neigen.. usw.

 

In der Regel bezieht sich eine Missbilligung von Pauschalisierungen auf die Äußerung von gleichgerichteten und gleichtönigen Werturteilen. Es ist aber im Falle der USA (wie auch sonst häufig) dem Umstand Rechnung zu tragen, dass die US-Gesellschaft stark segregiert und nivelliert ist, vor allem hinsichtlich verschiedener Ethnien, sozialer Klassen und Herkunftsnationalitäten – um nur einige Merkmale zu nennen.

Was den echten Antiamerikanismus kennzeichnet, ist also die Unterlassung einer Überprüfung und „Neu-Bearbeitung“ einer verfestigten Meinung sowie einer zwingend notwendigen Differenzierung nicht identischer Sachverhalte oder Zustände.

Genau in diesem Punkt sollte sich eine sachgerechte Amerika-Kritik vom Antiamerikanismus unterscheiden, nämlich in der Fähigkeit zu Selbstinfragestellung und Urteilsumkehr, wenn neue Erkenntnisse oder widersprüchliche Beobachtungen eine solche nahelegen.

 

 Pauschales Ablehnungsverhalten als Mittel der Selbstrechtfertigung

 

Ein weiteres Merkmal des Antiamerikanismus ist das bereits genannte dominierende Interesse an einer allgemeinen Selbstrechtfertigung und Selbstbestätigung, die gewissermaßen eine psychologische Rahmenbedingung bildet. Hier, beim Antiamerikanismus, dürfte der Grad der Legitimation der eigenen „Weltanschauung“ und der darin enthaltenen Deutungsmuster eine stärker ausgeprägte Rolle spielen als bei der Amerika-Kritik. Den Hintergrund bildet dabei die Grundstrategie der Selbstbehauptung im Verbund mit Abwehrleistungen von Meinungen, die dem eigenen Weltbild entgegenstehen (Toleranzminderung).

Antiamerikanismus ist in der Regel unempfindlich gegenüber der empirischen Überprüfung und der Einsicht in eigene Entlastungs- bzw. Selbstüberhöhungs-wünsche.

In diesem Zusammenhang wäre auch darüber nachzudenken, inwieweit der Antiamerikanismus eine Reaktion auf die Erfahrung des eigenen Bedeutungs-verlustes auf internationaler Bühne dient und damit der Stärkung einer eigenen Identität in einer Zeit, da diese brüchig geworden zu sein scheint.

 

 Kennzeichen einer kritisch-rationalen Amerikakritik

 

Kritische oder skeptische Distanzierungen (wie von den USA) bemühen sich in aller Regel um die methodische und sachliche Nachvollziehbarkeit eines Argumentations- und Bewertungsprozesses. Sie berücksichtigen Faktenbezug, Datenanalyse, Beweise und ermöglichen eine mehr oder weniger ausführliche Überprüfung der anstehenden Urteilsbildung und der ihr zugrundeliegenden Eigeninteressen.

Amerika-Skepsis oder –Kritik muss nicht weniger radikal sein als Antiamerikanismus, sollte aber bestimmten Anforderungen an Rationalität genügen, wozu außer den genannten auch diese gehören:

  • Urteilskompetenz hinsichtlich des Themas

  • Reflexion der eigenen Urteilsbasis bezüglich Vorwissen, Sachkenntnis, Affektladung und der aktuellen (Selbst-) Betroffenheit (mit ihren Auswirkungen auf klare Urteilsbildung)

  • Bewusste Klärung des eigenen Standpunkts (Weltbildes), der Bindung an nationale Stereotypen, der Abhängigkeit vom generellen Meinungsklima und den aktuellen Erwartungen an bekennende Stellungnahmen (Abhängigkeit vom intrakulturellen Deutungsrahmen)

  • Überprüfung (ex post oder ex ante) der eigenen Argumentation und ihrer Schlüssigkeit hinsichtlich korrekter Schlussfolgerungen, historischer Richtigkeit und ihrer aufklärerischen, evtl. auch persuasiven Zielsetzungen/Intentionen (verantwortlich „nach vorne“ denken)

  • Verzicht auf Werturteile als reine Anschlussüberzeugungen; daher sind Schnellstempel, Etikettierungen und „Noten“ mit unklarer Herleitung – häufig Ausdruck von erhitzter Empörung oder Selbstgerechtigkeit - zu vermeiden

  • Kritische Urteilsbildung im Bereich der Nationen- und Mentalitätenbewertung sollte im Übrigen Unterscheidungen am Urteilsgegenstand zwischen einerseits genuin amerikanischen und andererseits übergeordneten Phänomenen treffen, also singuläre-kulturspezifischen oder übergeordneten Tatsachen, die z.B. der Globalisierung oder dem Kapitalismus generell zugerechnet werden müssen (s. weiter unten).

 Zu guter Letzt: Die Akzeptanz von Kritik und ihre Wirkung in der Zuhörerschaft hängt entscheidend davon ab, ob man sich mit den geäußerten Einwänden/Distanzierungen auf übergeordnete Prinzipien berufen kann, die in allen Teilen einer „liberalen“ und moralisch fundierten Gesellschaft anerkannt werden, denn hiermit wird ein verbindlicher Maßstab angelegt, der das bloß subjektiv-zufällige Meinen auf die Ebene eines anschlussfähigen Arguments hebt. Hier denke ich konkret an akzeptierte Bezugsgrößen wie grundlegende Prinzipien der sozialen Handelns, z.B. auf die Grundrechte (Freiheit der Entscheidung und Freiheit von Zwang und Druck, Selbstbestimmung in allen Belangen der Gesellschafts- und Außenpolitik , Respekt und Toleranz gegenüber anderen, Friedenssicherung, soziale Wohlfahrt, Humanität und Gerechtigkeit gegenüber jedermann und jederfrau).

Es geht so gesehen um die ganz selbstverständliche Verteidigung eines Grundwertekatalogs und um die unbedingt zu respektierende Forderung nach wechselseitiger Anerkennung nationaler Leitvorstellungen von Sozialität, friedlichem Zusammenleben und der Unantastbarkeit von Lebensformen und kulturellen Mustern bei gleichzeitiger Anerkennung alternativer Formen der Selbstorganisation von gesellschaftlichen Gruppen (innerhalb und außerhalb der eigenen Staatsgrenzen).(1)

 

In welchen Formen und Ausprägungen schlägt sich der Antiamerikanismus nieder?

 

In zahlreichen Analysen wird hervorgehoben, dass Antiamerikanismus trotz vieler thematischer und Aspekt bezogener Varianten nicht einheitlich auftritt, sondern – wie schon angeführt – stark von der Zugehörigkeit der Wert-Urteilenden zu einer bestimmten Kultur, zu einem Staat, zu einer sozialen Schicht, einer politisch-weltanschaulichen Orientierung oder zu einer bestimmten historischen Epoche abhängt. Darüber hinaus wandelt sich die kognitive Struktur eines Amerikabildes mit jeweils aktuellen Geschehnissen und Erfahrungen, was sich insbesondere an der Verarbeitung der Irak-Kriege und der Ereignisse um und nach 9/11 festmachen lässt.

Analysen des Antiamerikanismus unterscheiden regelmäßig zwischen den Amerika-Bildern verschiedener (Sub-) Kontinente und Staaten, weil diese in ihrer Geschichte je besondere Beziehungen zu und Abhängigkeiten von den USA hatten. So stellt beispielsweise G. Chiozza in einer empirischen Studie fest, dass besonders starke Vorbehalte – gemessen in verschiedenen Dimensionen wie Terrorbekämpfung, Außenpolitik oder Sitten & Gebräuche – gegen die USA im Mittleren Osten, in Zentral- und Südasien sowie in den industrialisierten Ländern des Westens und auch in Ost-Europa bestehen, etwas geringere Negativeinschätzungen in Ost-Asien (Japan, Philippinen etc.) Afrika und Latein-Amerika (obwohl auch hier eine kritische Sicht überwiegt).

 

Die Unterschiede lassen sich wahrscheinlich auf Interventionshäufigkeit seitens der USA, auf Hegemonialverhalten, wirtschaftliche Abhängigkeit der dominierten Länder, auf kulturelle Fremdheit, aber auch auf Unterstützungserfahrungen (Erste Hilfe, Militärhilfe, Waffenlieferungen) zurückführen.

Hinsichtlich einzelner Länder heben sich hinsichtlich einer starken Negativbewertung vor allem ab: Jordanien, Russland, Frankreich, Deutschland u.a., während Pakistan, die Türkei und GB ein (noch) relativ positives Amerikabild haben. Hier könnten Veränderungen (gegenüber 2009) eingetreten sein.

 

Auch im engeren Kreis der westeuropäischen Länder gründen die antiamerikanischen Einstellungen auf verschiedenen „Störfaktoren“. In England haben antiamerika-nische Ressentiments häufig mit der amerikanischen Unabhängigkeitserklärung und Abkehr von England zu tun, aber auch mit sozialen und politischen Werten (Intoleranz nach außen und innen, grobe Manieren, Rechtsunsicherheit, Gewalt-tätigkeit und Dominanzverhalten. In Frankreich stoßen besonders das Hegemonial-verhalten und die militärische Dominanz der USA auf Widerstand, die Einflussnahme auf europäische Kultur, Wirtschaft und Politik sowie das manchmal ungeschlachte Auftreten der Amerikaner, im Detail ihre Esskultur und ihr Sprachkolonialismus.(2)

 

Das Amerika-Bild der Deutschen

 

Auf die Bewertungen und Beschreibungen der USA aus der Sicht deutscher Bevölkerungsgruppen oder Politiker einzugehen, istr an dieser Stelle aus naheliegenden Gründen unerlässlich, geht es doch vor allem darum, unsere eigenen nationalen Befindlichkeiten, Befürchtungen und Projektionen zu erkennen.

In Bezug auf die historische Entwicklung sowie auf die thematische und komponentielle Struktur des deutschen Amerikabildes sind hier insbesondere die Analysen zum amerikanischen Feindbild in Deutschland von C. Schwaabe und T. Jaecker sehr ergiebig und erhellend. Auch berücksichtigen diese Autoren verschiedene Urteilsperspektiven in Abhängigkeit von historischen Epochen, politischen Lagern und ideologischen Standpunkten, wodurch sich eine komplexe Problemsicht ergibt.

Die historische Betrachtung ist insofern wichtig, als sich auf diese Weise die verschieden tief reichende Wurzeln des Antiamerikanismus erkennen lassen, also die Zeit überdauernden Grundmotive und Vorbehalte gegen die amerikanische Lebensweise und Politik. Diese zeitabhängigen Vorbehalte und Ressentiments verschieben sich zwar und bringen neue Facetten hervor, bilden aber insgesamt ein in sich ein ideologisch besetztes Gedankenkontinuum, aus dem sich letztlich auch noch der moderne Antiamerikanismus speist.

 

Amerika-Stereotype im Kaiserreich

 

 Im Kaiserreich ist die Deutsche Selbstsicht und „Ideologie“ bestimmt von Faktoren wie dem ambivalent empfundenen Aufbruch in die Moderne mit den Erscheinungen der Technisierung/ Mechanisierung, Industrialisierung, Rationalisierung und Massengesellschaft und damit zugleich mit dem Niedergang restfeudaler und großbürgerlicher Strukturen der alten Klassengesellschaft (dem konservativen Ordo-Denken der festgefügten Sozialhierarche). Ebenfalls in den Dunstkreis dieser Selbststilisierung gehören überkommene Vorstellungen von deutscher Tugend, deutscher Heimatverbundenheit, deutscher Kultur und Geistesgeschichte sowie eines im Kern idealistischen, romantischen Weltbildes, das auf den Rückzug in Privatheit, auf die unpolitisch verbundene Lebens- und Glaubensgemeinschaft, auf den „Mythos“, die Religiosität und den Zauber eines Natur zugewandten, vortechnischen Zeitalters setzt. Demgegenüber erscheint die Neue Welt mit Amerika als eine kalte, funktionale Zivilgesellschaft, die utilitaristisch geprägt ist und sich nach kapitalistischen Interessen, wirtschaftlich-technischem Erfolg und einem oberflächlichen Glücksstreben (pursuit of happiness) ausrichtet, wodurch einer geistlosen Vermassung Vorschub geleistet wird.

 

Dem Kulturverfall der amerikanischen Zivilgesellschaft mit ihrem krudem Materialismus und der Dynamik ihrer technisch-ökonomischen Entwicklung (wodurch Egoismus, Entfremdung und Anonymität gefördert werden) wird der „Deutsche Geist“ mit seiner Verwurzelung in Tugendhaftigkeit, Beständigkeit, Gefolgschaftstreue, Frömmigkeit und Bindung an kulturelle Werte (künstlerisches Schaffen und Gedankentiefe) entgegengestellt. Zwar gibt es auch im 19. Jahrhundert eine partielle Offenheit für Amerika, seine liberalen Prinzipien und zivilisatorischen Leistungen, aber sie setzt sich (noch) nicht durch, sodass so mit der Industrialisierung in Deutschland eine tiefgreifende Ambivalenz zwischen Traditionalismus und Zuwendung zur Moderne (beim aufstrebenden handelsorientierten Bürgertum) entsteht. Sie ist es, die auch das spannungsvolle Amerikabild beeinflusst, in dem Ablehnung und bedingte Anerkennung des neuen zivilisatorischen Erfolgsmodells eine eigentümliche Verbindung eingehen.

 

In der Vorkriegszeit um 1914 gewinnt das deutsche Amerikabild andere Züge, bedingt durch den nun wachsenden Nationalismus, Militarismus und Illiberalismus und eine veränderte Machtkonstellation in Europa. Mit der Entstehung eines neuen Rollenverständnisses gegenüber der Welt und der Verschärfung der Konkurrenz zwischen den politischen Systemen erstarkt in Deutschland ein neues und zugleich nach außen aggressives Selbstbewusstsein (Platz an der Sonne). In Folge der imperialen deutschen Interessen gewinnen im Reich erneut antidemokratische und chauvinistische Töne die Überhand: Der Glaube an den eigenen Heroismus, an die Stärke deutscher Tugenden und die nationalistische Überhöhung einer „heiligen“ monarchistisch geprägten Gesellschaftsordnung begünstigt die Entwicklung eines diffusen Feindbildes, das unter geopolitischen und militärischen Gesichtspunkten zwar auf Frankreich und bedingt auf England bezogen ist, sich tiefgründig jedoch an den neuen Werten der amerikanischen Gesellschaft orientiert, insofern diese die heraufziehende Modernisierung am stärksten verkörpert. Abgelehnt werden hier insbesondere der aufkommende Individualismus (im Gegensatz zum deutschen Gemeinschafts- und Gefolgschaftsdenken), der wachsende Materialismus bei gleichzeitiger Entwertung ideeller Orientierungen und die gleichmacherischen Tendenzen eines liberalen, demokratischen und (noch) pazifistisch orientierten Politiksystems. Amerika wir jetzt zum Inbegriff einer Bedrohung durch aufkommende Verwestlichung, den Verlust traditioneller (deutscher) Werte und egalisierende kosmopolitische wie liberale Tendenzen.(3) Symptomatisch beruft sich Ernst Troeltsch, ein konservativer Theologe und Kulturphilosoph, auf die „Vornehmheit und Überlegenheit unseres Geistes“ und charakterisiert die Deutschen als ein dem Wesen nach monarchisches und militärisches Volk mit außergewöhnlichem Ordnungssinn und strengem Pflichtgefühl, vor allen aber als ein Volk mit einer ganz anderen Freiheitsidee als der des demokratischen Westens, der sich seinerseits den deutschen Geist zu kolonialisieren anschickt – eine Redeweise, die auch heute noch Anerkennung findet.

 

 

Erster Weltkrieg

 

Im Kontext des Ersten Weltkrieges verstärken sich noch die bezeichneten ideologischen Tendenzen. Im Zuge der Aufrüstung, militaristischen Indoktrination und nationalistischen Einstimmung auf den vaterländischen Krieg wird ein neuer Heroismus als Teil des deutschen Wesens ausgerufen. Mit der Beschwörung eines Geistes finsterer und heroischer Entschlossenheit (im Sinne alter Nibelungen-treue) verbindet sich eine vehemente Ablehnung westlicher Wertvorstellungen, mit denen nicht nur England und Frankreich, sondern in gleichem Maße auch die USA identifiziert werden. Auch wenn diese verzerrenden Gesellschaftsbilder heute in dieser Form weitgehend verschwunden sind, haben sich dennoch gelegentliche Reste dieser Selbst- und Feindbildzeichnung in die Gegenwart hinüberretten können – sei es als rechts-nationalistisches Gedankengut oder aber als unbewusst fortbestehende (obsolete) Grundierung heutiger Ressentiments und Frames.(4)i

 

 

Weimarer Republik

 

 Nach dem verlorenen Krieg beginnt mit der Weimarer Republik eine widersprüchliche Entwicklung in kultureller wie politischer Hinsicht. Deutschland erlebt eine Periode langsam wachsenden Westeinflusses und der „Amerikanisierung“ – die nun auch zu einem Schlagwort der Kulturkritiker wird. In der Alltags- wie in der Hoch-Kultur wächst der Amerikanische Einfluss ebenso wie in der Politik und Ökonomie. Ein kulturell aufgeschlossenes Bürgertum und eine liberal denkende gesellschaftliche Avantgarde zeigt sich aufgeschlossen gegenüber amerikanischen „Importen“ in den Bereichen des Sports, der Musik, des Films und der Unterhaltung. Reaktionäre und nationalistische Kreise können dagegen die Schmach des verlorenen Krieges und den Verlust der alten rechten Ordnung des politischen und gesellschaftlichen Systems nicht oder nur schwer verkraften. Die Errichtung eines republikanisch-demokratischen Staates unter Mitwirkung der USA und die amerikanische Zustimmung zu den Versailler Vertragsbestimmungen (Dolchstoßlegende) schüren neuen Hass gegen die USA – in Verbindung mit einer wiederauflebenden Abneigung gegen westlich Lebensart und das amerikanische „Naturell“ mit seiner oberflächlichen, läppischen Art der Selbstpräsentation (siehe Sexappeal) und einer Oberflächlichkeit im Meinen und Reden. Der Topos der (okzidentalen) Modernisierung nach amerikanischem Vorbild gewinnt an Wirkungsmacht: Der „Amerikanismus“ richtet sich nach weitverbreiteter Ansicht erneut gegen das deutsche Wesen und die eigentliche deutsche Seele mit ihrer Innengewandtheit, die sich mit der aufkommenden Massenkultur und dem nivellierenden Konsumismus im Alltag und in der kulturellen Sphäre nicht verträgt.(5)

Jazz, Tanz (Charleston), Film und Shows werden einerseits begrüßt und – in Maßen – übernommen, andererseits als seelenlos und verderblich gegeißelt. Ein neuer Begriff kommt in Umlauf: „Amerikanismus“, dem der Brockhaus von 1928 diese Grundzüge zuordnet:

 

 „Pionier- und Fortschrittsgeist, Selbstbestimmung und Demokratie, Rationalisierung und Mechanisierung, die Vorherrschaft des Massenwillens, Wahlkorruption, Massenerzeugung von entbehrliche Gütern, Imperialismus in Wirtschaft und Technik, Überschätzung der großen Zahl und der Geldwerte, Sensationsgier, der Feminismus in Kulturfragen, die durch Arbeitsteilung bedingte Auflösung der persönlichen Verhältnisse – hier spielt besonders das deutsche Frauenbild eine Rolle - , die abschätzige Bewertung traditioneller Bindungen, die versteckte oder öffentliche Plutokratie“.

 

Darüber hinaus spielt nun auch eine weitere Ideologiekomponente eine Rolle: die Sorge vor dem Eindringen von Fremden schlechthin, also eine frühe Form der Überfremdungsangst, die eng an die Vorstellung eines intakten und zu schützenden Volkskörpers gebunden ist.

 Weitere Stichworte, die in diesem Kontext fallen, sind Weltverflachung, Kulturfeminisierung, Verdammung des Heldengeistes und Lockerheit der Umgangs- und Lebensformen (Mangel an Zucht und Disziplin).

O-Ton Günter Dehn in seiner Kritik der deutschen Zeitgesellschaft:

 

 „Dieses Volk ist amerikanisiert bis in die Wurzeln seines Denkens, bewusst und selbstverständlich oberflächenhaft … Nicht etwa Sozialismus, sondern der Amerikanismus wird das Ende der Dinge sein. Wenn fast kaum noch ein Proletariermädchen die alte Haartracht trägt, sondern selbstverständlich den wahrlich metaphysikfreien Bubikopf, so sollte man anerkennen, dass die ein sinnvoller Ausdruck der ganzen hier vorliegenden Lebenshaltung ist.(6)

 

 In den ausgehenden Jahren der WR erhält das Deutschlandbild und in stilisierter Abgrenzung davon auch das teils verzerrte Bild Amerikas noch bestimmte modifizierende Aufladungen, an denen sich bereits die Wende zum neuen totalitär-faschistischen und völkischen Denken ablesen lässt.

 

Die schon unter nationalsozialistischen Vorzeichen stehende reaktionäre Ideologie der sterbenden Republik knüpft nun erfolgreich an den Ideenkanon vom deutschen Heroismus, von Opferbereitschaft und Wiederbesinnung auf deutsche Wesensart an. Nun jedoch verschmilzt sie mit antibürgerlichen Tönen und wendet sich bewusst von gemäßigten politischen Losungen ab, indem sie den bürgerlichen und pazifistischen Charakter der „Weimarer Händlerrepublik“ diffamiert und einer heroischen, martialischen und solidarischen Volksgemeinschaft (Carl Schmitt) ideologisch Vorschub leistet (und damit den Faschismus vorbereitet). Die Aufwertung eines hingebungsvollen Lebens, die Kultivierung der Barbarei, die Beförderung eines gesteigerten (und fanatischen) Nationalismus und die „Überwindung der Entzweiung im Absoluten“ (Hegel) bewirken als neue Schlagworte eine Wende zum offenen Faschismus. Um den „Kampf des deutschen Menschen“ für die neue Form der radikalen Gemeinschaft zu gewinnen, muss der geläuterte Staat gegen “die unerbittlichen Todfeinde der deutschen Lebensform“ zu Felde ziehen und dem schlaffen Liberalismus die Stirn bieten. Damit ist das Programm des Antiamerikanismus (des politischen martialischen Existentialismus) und der Abkehr von allen westlichen Werten unmissverständlich umrissen.

 

Antiamerikanismus im Dritten Reich

 

Die zuletzt beschriebenen Grundsätze der völkischen Ideologie und die ablehnende Haltung gegenüber den modernistischen Tendenzen und einer liberal-libertinären Alltags- bzw. Massenkultur in den USA bleiben zunächst weiterhin erhalten, doch führen die nicht zu übersehenden amerikanischen Erfolge im Bereich der Industrieproduktion (samt Rüstung), der Forschung, aber auch des Sports zu einer begrenzten Anerkennung – trotz der weiterhin geäußerten Kritik an Kapitalismus und Profitsucht. Jedoch zeichnet sich mit Beginn des Kriegseintritts der USA eine signifikante Veränderung ab: Neben der fortdauernden „Klage über die Mechanik des gesellschaftlichen Zusammenlebens“, die Verhaltensstandardisierung, die Popularitätssucht, die Banalität der Unterhaltungskultur und auch über die alltägliche „Prüderie der bürgerlichen Schichten“ (Adolf Halfeld) breitet sich nun zunehmend ein aggressiver Antisemitismus in der antiamerikanischen Propaganda aus. „Der Jude“ als Inbegriff des neuen Feindbildes des Dritten Reichs macht seinen Einfluss aus Sicht der Nazis nicht nur in Deutschland geltend. Auch die USA werden als von Juden unterwandert gebrandmarkt, die Hochfinanz und die Medien als jüdisch beherrscht diffamiert. Himmler selbst gibt unter dem Titel „Amerikanismus – eine Weltgefahr“ eine Schrift heraus, in der es heißt, von jüdischer Seite sei Amerikas Glaube, die Welt erobern zu müssen, geradezu „die praktische Ausführung und die Aktivierung der fundamentalen Grundsätze des Judaismus.“ Im Wahnbild der Nazis stellt das „jüdisch durchsetzte“ Amerika gemeinsam mit dem jüdischen Bolschewismus der Sowjetunion eine grenzenlose Gefahr für die deutsche Volksgemeinschaft dar.

 

Die Juden sind im Gegensatz zu den Amerikanern räumlich näher und dienen, weil erkennbarer als innerer Feind, der das Reich überfremdet und zersetzt, besser den Propagandazwecken des Systems; andererseits sind die Russen ein Feind in offener Schlacht und ihr Gesellschaftssystem wie ihre Politik ist der NSDAP zuwider. Insofern hat der Antiamerikanismus nicht mehr die alte Virulenz und Bedeutung, umso mehr, als England, Frankreich und die westlichen Verbündeten mit ihren Angriffswellen präsenter sind und daher mehr in den Focus der Gegenpropaganda geraten.

 

Nachkriegszeit

 

Die totale Niederlage im II. WK, die absolute Entwertung der deutschen Nazi-und Überlegenheits-Ideologie (Enthybridisierung) , die sich neu abzeichnende Nachkriegsordnung mit der Herausbildung der beiden Großmachtblöcke (einschl. der deutsche Teilung) und der daraufhin einsetzenden Westeinbindung der jungen BRD führen zu einem nachhaltigen Wandel in der Beurteilung der Amerikaner. Der Einfluss der USA in D wird nun eher positiv aufgenommen trotz untergründiger Ambivalenz. Leitend für ein neues Amerikabild werden vor allem die Erfahrungen mit der neuen Schutzmacht (gegenüber der SU und gegenüber der Zivilbevölkerung durch Versorgungsleistungen) sowie die Wandlung der USA zu einer Supermacht mit der Folge zunehmender Militarisierung und Einflussnahme auf die gesamte westliche Hemisphäre (Beginn der Hegemonialpolitik).

 Die infolge des „Zusammenbruchs“ auftretende Orientierungslosigkeit und Anlehnungsbedürftigkeit begünstigt einen Wahrnehmungswandel, der nun Amerika als freundliche Besatzungsmacht erscheinen lässt – vor allem im Verglich zur repressiven Sowjetunion, aber auch zu den übrigen Westalliierten (die länger am Nazi-Vorwurf festhalten). Parallel und im logischen Zusammenhang mit der Neudefinition der USA beginnt die rasante Entstehung und Verfestigung eines militanten Antikommunismus.

 

Mit der (Re-)Demokratisierung auf verschiedenen Wegen verbindet sich die Erfahrung einer bedrängenden Reedukation und Bevormundung, aber auch die Erfahrung einer zunehmend imperialen Politik und Geste der „USA“, die gerade im Rückblick auf den deutschen Militarismus und das zuvor erlebte kriegerische Pathos distanziert und mit Vorbehalt wahrgenommen wird. So bleiben in der Konfrontation mit der sich ausbreitenden „Westkultur“ und der gefühlten Entmündigung alte Elemente eines antiamerikanischen Ressentiments durchaus erhalten, wenn diese auch unter verändertem Aspekt modifiziert, d.h. neu „konfiguriert“ wird. So bewundert man in Deutschland auf der einen Seite die amerikanische „Lässigkeit“ und „Unbefangenheit“ (im Gegensatz zur deutschen Verkrampfung), den lockeren und wenig revanchistischen Umgang mit den Besiegten, der eine amerikanisch beeinflusste gesellschaftliche Zukunftserwartung aufkommen lässt, während auf der anderen Seite der kulturkritische Impetus (latent) erhalten bleibt und sich ein völlig neuartiger Skeptizismus auszubilden beginnt, der später in eine neue Variante das Antiamerikanismus münden wird.

 

Dessen Ursachen und Kennzeichen sind der jetzt einsetzende deutsche Pazifismus, aber auch die Abwendung von Überideologisierung und eine Distanzierung von hegemonialen Ansprüchen, wie sie in der Nachkriegspolitik der USA zu Ausdruck kommen (u.a. im radikalen Antikommunismus der in den USA selbst - vgl. McCarthy-Ära - und u.a. in Europa).

 

 Veränderungen im Bild der USA seit den 60er Jahren

 

In den 60er Jahren zeichnet sich ein markanter Übergang ab: Das frühere Aufbegehren gegen „schlechte“ Modernisierung und Vermassung, das sich die ganzen 50er Jahre hindurch noch erhält (im großbürgerlichen, intellektuellen Radikalismus bei C. Schmitt, Heidegger, A. Gehlen und Hans Freyer), wird nach und nach abgelöst und weicht einer neuen, akademischen Kulturkritik, für die zuerst vor allem Die „Frankfurter Schule“ steht. Dazu Schwaabe: Es kommt jetzt „zu einem Wandel vom alten rechten zu einem neuen linken Amerikanismus“, in dem insgesamt eine generelle Verschiebung der kulturellen Tektonik Deutschlands“ zum Ausdruck kommt. „Der demokratische Antiamerikanismus der Neuen Linken … wird Amerika für seinen Imperialismus und Militarismus kritisieren“ (C. Schwaabe), später dann immer prononcierter für seine aggressive kapitalistische Ausbreitungspolitik und die Globalisierung. Die USA werden jetzt an ihren eigenen (alten) Werten und Maßstäben gemessen, deren Beachtung von den Kritikern zunehmend eingefordert wird.

 

Mit dieser Wende ist schließlich ein entscheidender Schritt zu einem neuen Gesellschaftsbild vollzogen, die Sicht auf ein Deutschland ohne Mythos und Kultus, ohne Deutschtümelei und hybride Kraftmeierei, eines der Emanzipation und friedlichen Koexistenz mit seinen Nachbarn. Soweit der Ansatz der Neuen Linken, die durchaus in den 70er und 80er Jahren an Einfluss gewinnt.

Davon unbehelligt hält sich die deutsche Öffnung für einen amerikanischen Kulturtransfer und amerikanisierte Konsumgewohnheiten. Im deutschen (dominanten) Kleinbürgertum setzt sich eine „Amerikanisierung“ von unten durch, eine Orientierung an zunächst amerikanischen Marken und Geschmacksmustern (Coca Cola, Marlborough, Mickymaus, Jeans, Cornflakes, Kaugummi, Elvis Presley, Bob Dylan, Marilyn Monroe oder später viele andere Stars) und damit die Akzeptanz einer neuen kulturellen Idolatrie und Ikonographie. Nun aber von einer totalen kulturellen oder politischen „Überwältigung“ auszugehen, würde in die Irre führen. Zwar werden amerikanische Produkte, Denkweisen und Lebensformen anerkannt und übernommen, doch führt diese „Umarbeitung und Einverleibung“ von äußeren Einflüssen, von „Offerten aus Übersee“ (Moden) zu keiner Imprägnierung mit amerikanischer Lebensart schlechthin, sondern das neue Marktverhalten mit gesteigerter Konsumorientierung ist Ausdruck einer generellen Modernisierung, des Wandels zu einer offenen Gesellschaft und der Emanzipation von Rollenbildern und –erwartungen. Was hier entsteht ist „das kulturelle Paradigma“ einer transnationalen Gesellschaft mit ausgeweiteten, später globalisierten Märkten. Der „amerikanische“ Konsumismus ist mittlerweile ein spätkapitalistisch übergreifender geworden, der von vielen Quellen gespeist wird.

Was bei dieser Art der pragmatisch-nutzenorientierten Lebensorientierung und Gleichschaltung des Konsumverhaltens aus dem Blickfeld gerät, ist jedoch die Notwendigkeit des Erhalts einer ideellen Komponente mit bodenständigem Charakter. Die vorangegangene alte Form einer metaphysisch aufgeladenen Idealisierung „deutscher Geistigkeit“ hat jetzt allerdings gründlich verspielt und erfährt im Rahmen einer aufgeklärten Gesellschafts- und Systemkritik eine völlig andere Bestimmung und Stoßrichtung - häufig begleitet vom Impetus eines moralischen Rigorismus (unter Einschluss von Selbstzweifel oder auch unverarbeiteter Selbstverachtung). Seit Ende der 60er Jahre und der „deutschen Kulturrevolution“, seit der vorübergehenden Krise des amerikanischen Imperialismus nach dem verlorenen Krieg in Indochina und seit dem Beginn der sozialliberalen Ära in Deutschland zeichnet sich in den intellektuellen Milieus eine ideologische Neuausrichtung ab und gewinnt zunehmend an Einfluss. Sie kann verstanden werden als Reaktionsbildung auf die als eindimensional empfundene, entpolitisierte Erlebnis- und Konsumgesellschaft und auf eine nur halbherzig vollzogene Verarbeitung der deutschen Nachkriegsgeschichte, in der sich Verdrängungsbedürfnisse mit demonstrativ-devoter Anbiederung an die „gute Schutzmacht“ und ihre pseudodemokratischen Standards mischt. Der Gesellschaftsprotest der „Jungen“ und derer, die damit sympathisieren, sucht – mehr oder weniger erfolgreich – nach einer neubestimmten Ausprägung der ‚civil society‘, nach einer kritisch aufgeklärten Zivilgesellschaft mit demokratischer Wertorientierung und mit einer emanzipatorischen Vorstellung von Gleichheit, Gerechtigkeit und Selbstbestimmung. In ihrer „radikalsten“ Form organisiert sich das widerständig-kritische Denken in der - allerdings uneinheitlichen - Neuen Linken, die im Rahmen der Entwicklung ihres Gesellschaftsmodells auch ein verändertes Amerikabild zeichnet. Hierauf soll im letzten Teil eingegangen werden.

 

 Die zeitgenössische Amerika-Kritik

 

Die Gesellschafts-, Wirtschafts- und Außenpolitik der USA hat sich bereits seit Beginn der 50er Jahre in Etappen von demokratischen, liberalen und toleranten Grundsätzen losgesagt, wobei auch hier kein prinzipieller Bruch zu verzeichnen ist, sondern teilweise ein Wiederaufleben traditioneller Mentalität und insofern ein Anschluss an verfestigte Handlungsdispositionen (gekennzeichnet durch ungetrübtes Sendungsbewusstsein, Hardliner-Denken, Hegemonialstreben, und den festen Glauben an den Supremat des „american way of life“.

 

Bei allen weiteren Überlegungen zu gegenwärtigen USA-Kritiken oder zu Bekräftigungen eines antiamerikanischen Ressentiments sollten wir, wie schon anfangs betont, den Eigenanteil an der Entwicklung unseres nur scheinbar objektiven Amerikabildes nicht unterschätzen. Bei der Betrachtung des anderen spielen immer auch der eigene Standpunkt sowie die eigenen „Erkenntnisinteressen“ eine Rolle, bildet sich also meist unbewusst die subjektive oder gruppentypische Befangenheit durch das eigene Vor- und Durchleben von Geschichte sowie von prägenden gesellschaftlichen Erfahrungen ab. Aus diesem Grunde ist es zwingend notwendig, sich die eigenen Projektionsleistungen und Delegationstendenzen zu vergegenwärtigen, die jeder Typisierung fremder Kulturen oder Nationen in unterschiedlicher Ausprägung zugrunde liegen. Historische Rückbesinnungen ebenso wie individuelle Introspektion und Überprüfung der eigenen Urteilsbasis bieten die notwendige Voraussetzung dafür, dass wir die jeweiligen Bedingtheiten der Bewertung fremden Handelns sowohl auf der Mikro- wie auf der Makroebene verstehen.

 

Wie nehmen die Deutschen die USA gegenwärtig wahr?

 

Ein Sündenregister amerikanischer Politik und gesellschaftlicher Verfehlungen ist gewiss leicht zu erstellen, aber nicht unbedingt als bloße Kompilation dienlich. Dennoch dient es der Veranschaulichung an Beispielen, jene Vorwürfe und „Störphänomene“ grob zu skizzieren, die den erlebten Kern der antiamerikanischen wie der amerikakritischen Einstellung ausmachen – dazu weiter unten.

Vorsicht bei einem vorschnellen Rückgriff auf einen Kanon von Bezichtigungen und Anklagen ist immerhin geboten, denn solche sind geeignet und werden auf versteckte Weise genutzt, um sich mit Fingerzeigen auf andere selbst zu entlasten. Seine schnelle Verfügbarkeit lässt jedoch erkennen, dass es sich hier nicht um isolierte Einzelphänomene handelt, sondern dass die verschiedenen Defizite der Gesellschaft sowie die kritikwürdigen Ein- und Übergriffe der Politik und des Wirtschaftssektors gegenüber anderen Staaten, Märkten oder geopolitisch relevanten Regionen einander bedingen und verstärken.

Der Auftritt der USA vor der Welt im Verbund mit dem hier vorgelebten Gesellschaftsmuster prägt so notgedrungen wie nachhaltig die Sicht anderer Staaten und Kulturen auf die westliche Supermacht.

 

Die Tatsache, dass die hier genannten Erscheinungsformen bzw. Verhaltensmuster der USA sich keineswegs auf einen nationalen oder kontinentalen „Kleinkreis“ beschränken, sondern einerseits absichtsvoll nach außen getragen und andererseits als unabweislich und bedrängend, zum Teil allerdings auch als „vorbildlich“ und nachahmenswert empfunden werden, führt in der Konsequenz unausweichlich zu wirkungsmächtigen Reaktionsbildungen – und dies sowohl in der gemäßigten Form von Distanzierung, Skepsis, Kritik und Abwehr (Einnahme einer Anti-Position) wie auch in der Form von Widerstand, Feindschaft und nicht zuletzt gewaltsamer Gegenwehr.

In dieser Hinsicht wichtig und folgerichtig erscheint dann die problematisierende Überlegung, ob nicht die Entstehung des gegenwärtig dominierenden Amerikabildes eine zwangsläufige Folge der realen Aktionsmuster der USA und ihrer penetrant vorgetragenen Erlösungs-Ideologie darstellt (America – love it or leave it! bzw. neuerdings im Trumpschen Zeitalter: „America first!“) . Mit anderen Worten: Ob nun Amerika-Kritik oder Anti-Amerikanismus, Anlass zur Infragestellung der westlichen Hegemonialmacht in unterschiedlichen Graden der Direktheit und Schärfe gibt es allemal.

 

Ursachen des gegenwärtigen Anti-Amerikanismus

 

Nach einer erzwungenen „Besinnungspause“ und Phase der Verunsicherung in der Folge des Vietnamkrieges und eines missratenen Einsatzes einer amerikanischen Elitetruppe im Iran in den 70er Jahren haben sich die Vereinigten Staaten – insbesondere nach dem Teilverfall der SU – wieder ihrer alten Weltmacht-Rolle besonnen und agieren dementsprechend aggressiv-expansionistisch, bevormundend und hegemonial, auch wenn unter Präsident Obama sich die Interventionsbereitschaft im Nahe Osten erkennbar abgeschwächt hat.

 Die in den Militäreinsätzen offenbarte imperialistische Vereinnahmungs- und Eroberungspolitik erfährt eine Entsprechung im ökonomischen Bereich der Handels- und Finanzmärkte, in dem die USA ihre Dominanz rücksichtslos ausspielen, um noch nicht beherrschte Märkte (auch außer zu Zwecken der Rohstoffsicherung) an ihr System anzupassen und damit den eigenen Absatz und Einfluss zu intensivieren. Folgerichtig bildet die weit verbreitete Ablehnung des ökonomischen Expansionismus der USA ein ergänzendes Motiv für die zuspitzte Negativsicht der amerikanischen Supermacht. Die amerikanischen Autoren Sardar und Davies sprechen daher von einem teilweise verständlichen Hass auf das „amerikanische System“ und die davon ausgehende militärische wie ökonomischen Überwältigung.

 

An dieser Stelle ist auch eine weiterführende Überlegung von Jaecker und Leggewie bemerkens- und dikussionswert: Sie problematisieren die (vorschnelle) Zuschreibung einer Alleinverantwortung der USA für die Verbreitung des expansiven Spätkapitalismus und der Globalisierung (mit allen politischen wie gesellschaftlichen Folgen). Sie heben statt dessen hervor, Spätkapitalismus und Globalisierung nicht nur einem Akteur und seiner Leitkultur zugeschrieben werden können. Vielmehr handele es sich hier um „Prozesse der Entgrenzung, Globalisierung und Hybridisierung“.(7) Charakteristisch dafür sei „ein Zusammenspiel globaler und lokaler Faktoren“, die das neue „kulturelle Misch- und Zwittergebilde“ hervorbringe. Wir hätten es also mit Symptomen der Auflösung der binären Vorstellungen der alten Staatenwelt zu tun, also mit einer nicht mehr angemessenen Gegenüberstellung von ‚Inland‘ und ‚Ausland‘, von Fremdem und Eigenem. Während sich Wirtschafts- und Kulturräume zunehmend vermischen, unklare Grenzen und neue Formen der der gesellschaftlichen Organisation von Handel, Märkten und Institutionen bilden, verbleibt die Politik bislang in den alten Grenzen und Kategorien der Nationalstaaten und ihrer Verantwortlichkeit. (8)

 

Diese Überlegung legt den Rückschluss nahe, dass es (zu) vereinfachend ist, wenn kapitalistische und globalistische Entwicklungen allein einem Akteur oder einer Quelle zugeschrieben werden. Denn die globale Ausweitung und Vernetzung von ökonomischen wie auch von Einstellungs- und Verhaltenssystemen verweist auf eine neuartige, umwälzende Veränderung im globalen zwischenstaatlichen Austausch. Der für dieses Phänomen nutzbare Begriff der Hybridisierung bezeichnet treffend die Tatsache einer eigendynamischen Entwicklung von kapitalistischen Organisationsformen und Strategien, die ihrerseits eine transnationale Verschränkung von Interessen, kulturellen Praktiken (Dispositiven), Rechtsregeln und schließlich von Mentalitäten begünstigen.

 Konkrete Beispiele für Formen einer solchen Hybridisierung erkennen wir etwa in der Vernetzung der heutigen Finanzsysteme, aber auch in der supranationalen Ausbildung erweiterter Marktformen (z.B. bei den Freihandels-abkommen) und komplexer Prozesse der gesamtgesellschaftlichen Organisation , die sich außer in Institutionen und Handlungsvereinbarungen (in internationalen Verträgen) auch in Mentalitäten und Ideologien niederschlagen – so in der Form von Kommodifizierung, Finanzialisierung, Privatisierung, Konsumismus, Wachstumsfetischisierung und Konzentration auf Verwertungsinteressen und Gewinn. In diese Reihe gehören potenziell auch Formen der Selbstrepräsentation (mit der das Ich Warencharakter erhält), Geschmacksmuster (Moden), Konventionen , Rituale und sozialen Rollen. Diese Einsicht müsste dazu führen, dass wir uns zwar nicht mit der Schuldzuweisung an einen „bösen Agenten“ von der Mitverantwortung an schlechten Gesellschaftszuständen befreien können, andererseits jedoch nicht übersehen können (und wollen), dass es einen identifizierbaren Generationspunkt, einen Hauptimpulsgeber für die derzeitigen Hybridisierungstendenzen gibt.

 

 Zur Dynamik der Kontroverse zwischen USA-Apologeten und

USA-Kritikern

 

 Ich möchte abschließend noch einmal die für eine weitergehende Diskussion dieses Themas relevante Frage behandeln, was aus den vorgeführten Überlegungen für die gegenwärtigen Debatten-"Kultur" folgt und für eine zukünftige folgen könnte.

Immer wieder geraten wir bei einer Diskussion unseres Verhältnisses zu den USA zu dem Punkt, an dem gegen die mehr oder weniger forciert artikulierenden Amerika-Skeptiker der Vorwurf des notori-schen, intoleranten oder verbohrten Anti-Amerikanismus erhoben wird (siehe oben). Im günstigsten Fall geschieht dies mit dem nachvoll-ziehbaren Argument, eine solche Kritik sein ideologisch vorbelastet, pauschal, arrogant und rücksichtslos gegen eine andere Kultur usw., womit sich aber jede Positionierung gegen amerikanische Zustände auseinander-zusetzen hat. Gegenargumente und –strategien habe ich schon erwähnt.

 Das eher grundsätzliche Dilemma besteht jedoch im Wesentlichen darin, dass jegliche Stellungnahme zur USA und ihrer Politik in einem öffentlichen Raum verläuft und das unter dem Einfluss einer bereits politisch vordefinierten Interessenlage und eines massenmedial hergestellten Bewertungsrahmens sowie unter der Perspektive einer verordneten Toleranz- bzw. Dankbarkeitsverpflichtung oder Bündnistreue. Eine quantitative Medienanalyse zum Amerikabild der deutschen Leitmedien könnte Aufschluss darüber geben, in welchem Umfang und in welchen Sachpunkten hier tatsächlich im proameri-kanischen Interesse Tabuzonen aufrechterhalten werden. Der linke, manchmal auch rechte oder lagerneutrale USA- Kritiker (und führe er noch so gute Materialien und Argumenten an) gerät damit schnell in die Gefahr, der "Tabu"-Verletzung, d.h. dem Vorwurf der Undankbarkeit oder des Treuebruchs ausgesetzt zu werden. Dass die USA-Apologeten sich damit – häufig genug – gegen nahezu jede - auch berechtigte - Kritik immunisieren und einer kritischen Selbstüberprüfung ausweichen, bleibt dabei oft unbeachtet oder wird verleugnet.

 

Es darf allerdings nicht übersehen werden, dass diese Art der Kritikzurückweisung unter Umständen durchaus berechtigt sein kann, denn viele amerikakritische Urteile enthalten tendenziöse "Argumente" und Formulierungen von hohem Affektgehalt, die folglich die jeweilige Meinungsbildung angreifbar machen, weil sie Züge der Pauschalisierung oder einer „Abrechnung“ tragen. Genau dieser Umstand führt schließlich dazu, dass es zu einem kaum lösbaren Streit um die Legitimation bzw. "Zulässigkeit" USA-skeptischer Äußerungen kommt.

 

Das zentrale Problem, das hier zutage tritt, geht allerdings über die Beziehung zwischen USA-Anhängern und -Kritikern hinaus, da es sich um einen Konflikt zwischen Parteien handelt, die ihre jeweilige ausschnitthafte Weltsicht bei unterschiedlichen Wertorientierungen verabsolutieren und eine dementsprechende Deutungshoheit beanspruchen.

Zwei Aspekte von struktureller Bedeutung sind dabei interessant und lassen sich in folgende Frage kleiden:

1. Aus welcher realen historischen und ideologischen Position heraus wird in und von den jeweiligen Lagern argumentiert und welche Betroffenheiten spielen dabei eine Rolle?

2. Welche Techniken werden von beiden Seiten - der proamerikanischen und der amerikakritischen Seite - angewandt, um den "Gegner" der Unglaubwürdigkeit

oder der Verblendung zu zeihen?

 

Mit Blick auf die erste Frage ist zu berücksichtigen, dass die Fürsprecher des amerikanischen Politik-, Wirtschafts- und Kultursystems als Verteidiger ihrer eigenen Lebensphilosophie und ihrer als natürliche empfundenen Verhaltensweisen auftreten. Dies wird um so folgenreicher und damit wirksamer, als die US-Amerikaner sich - aller innern Spaltungen zum Trotz - als (häufig glühende) Patrioten empfinden und eine ebenso selbstbewusste wie euphorische Sicht auf ihre Lebensform und ihre nationalen Erfolge demonstrieren. Überformt und verstärkt wird dieses nationale Selbstverständnis noch durch die gern betonte Tatsache, dass die USA Weltmacht Nummer eins sind und sowohl militärisch wie ökonomisch hegemonialen Einfluss auf andere Staaten und Kontinente ausüben. Dass und in welchem Ausmaß dabei repressive und aggressive Strategien angewandt werden, tut der grundsätzlichen Zufriedenheit mit der eigenen Vormachtrolle keinen Abbruch.

Unter genau diesen Voraussetzungen ist es dann aber nur zu verständlich, ja unumgänglich, dass die von den USA mehr oder minder abhängigen oder von ihnen dominierten Verbündeten (bzw. Gegner) Gefühle der Abwehr, des Unwillens, wenn nicht gar der intensiven Ablehnung empfinden.(9) Auf eben dieser Erfahrungs-grundlage, nämlich dem Gefühl, geringgeschätzt, übergangen und in der eigenen Andersartigkeit nicht toleriert zu werden, werden Verweigerungs- und Zurückweisungstendenzen vorwiegend als zweitrangig eingestufter, wenn nicht gedemütigter Staaten oder Ethnien nachvollziehbar. Die daraus resultierenden Effekte der Konfliktentwicklung oder -verschärfung sind gewiss belastend und im Sinne einer auf Frieden und Ausgleich zielenden Politik weitgehend unerwünscht, doch ändert dies nichts an ihrer Unvermeidbarkeit. Bestenfalls den diplomatischen Bemühungen um die Eingrenzung von offenen Konflikten ist es zu verdanken, dass latent wie evident vorhandene kritische Positionen und abwertende Verlautbarungen beider Seiten nicht Oberhand gewinnen.

 

Um damit auf die zweite der oben gestellten Leitfrage überzuleiten:

Die schon mehrfach beschriebenen Konfliktursachen und -symtome - siehe vor allem die Ausführungen oben zur Geschichte des deutsch-amerikanischen Verhältnisses - finden ihren Niederschlag unaus-weichlich in der öffentlichen Debatte, sei es im politischen oder im medialen Raum. Es kann nicht verwundern, dass wegen der je verschiedenen Betroffenheiten - hier Nationalstolz und Überlegen-heitsgefühle, dort Abhängigkeitserfahrung und partielle Entrechtung - die Töne im gegenseitigen Umgang gelegentlich rau bis unversöhnlich ausfallen.

Einzelne Formulierungen wurden wiedergegeben(10) oder sind uns aus den Medien geläufig. Dennoch sind die einzelnen wörtlichen Verdikte der USA-Kritiker und die teilweise bissigen Erwiderungen der Angegriffenen darauf weniger entscheidend für die Erkenntnis der Tiefenstruktur der Debatte und ebenso wenig für eine mögliche Strategie der Abfederung eines verfestigten Konflikts. Entscheidender und wichtiger ist dagegen eine Einsicht in das grundlegende Schema des Meinungsstreites.

Hier nun haben wir es vorrangig mit zwei Behauptungstechniken bzw. Argumentationsstrategien zu tun.

Zunächst geht es wie so häufig im Raum der politischen Grundsatz-debatte um Vorteile durch die Prägung und Besetzung überzeugender und öffentlichkeitswirksamer Begriffe bzw. Stanzen, wobei es im Wesentlichen für die agierende Partei darauf ankommt, die für sie vorteilhaften Begriffe (und argumentativen Versatzstücke) in Umlauf zu bringen und nach Möglichkeit mehrheitsfähig zu machen, um so auf dem Meinungsmarkt eine Aussage- und Deutungshoheit im Verhältnis zum politischen Widerpart zu gewinnen. (Ein sehr einfaches Beispiel wäre etwa ein typischer Bush- oder Trump-Satz wie "Die USA verteidigen die Werte der Freien Welt an erster Stelle", was die Schlussfolgerun nahelegt, dass die Verbündeten daher unabhängig von den Strategien und Mittel dieser Verteidigung dankbar sein müssten).

 

Noch konkreter jedoch spielt sich der Begriffskampf im Falle unserer Thematik auf einem viel engeren Feld ab, nämlich dort, wo es darum geht zu bestimmen, was pro- oder was anti-amerikanisch sein soll. Natürlich können und werden die beiden sich gegenüber stehenden Parteien hier zu keinem Konsens kommen. Wichtig ist aber zu erkennen und zum Ziel einer bewertenden, gleichwohl leidenschaftslos angelegten Analyse zu machen, inwieweit die jeweils herangezogenen Behauptungen/Argumente den harten Tatsachen standhalten oder aber den Erfahrungen der umkämpften Öffentlichkeiten entsprechen. Leitend sollte dabei die Erkenntnis orientierte Frage sein: Wer erhebt mit welcher Begründung den Vorwurf des falschen Pro- oder Anti-Amerikanismus und in welcher Situation mit Bezug auf welche Interessenlagen und Fakten?

Ein damit eng verknüpfter zweiter Aspekt ist dabei in aller Regel die Frage des Umgangs mit der Beweislast für erhobene Behauptungen und Bewertungen.

Sehr beliebt, weil bei richtiger Anwendung gewinnbringend, ist die Technik der Abtretung oder der Umkehr von Beweislasten. Hier wäre zu überlegen, ob sich die Proamerikaner - zumindest in der gegenwärtigen Situation - nicht schwerer tun als ihre kritisch eingestellten Gegner, womit ich nicht die in Stereotypen befangenen Antiamerikaner, sondern die/den informierten USA-Kritiker meine. Denn wenn es um eine Rechtfertigungsverpflichtung hinsichtlich einer vertretenen Meinung und Einstellung geht, so haben jene, die mit kühlem Kopf die US-amerikanische Politik begutachten und verurteilen, zahlreiche Argumente auf ihrer Seite - vor allem aber die harten Fakten, die keineswegs einer alternativen Wahrnehmung unterliegen, sondern auch im Meinungsstreit objektive Fakten bleiben.

 

Jede Situationsanalyse als Refernzpunkt für eine Art Wahrheitsfindung ist zudem zu begleiten mit der an den Kontrahenten gerichteten Nachfrage, was ihn gegebenenfalls befugt, meine Feststellung oder Überzeugung als ungerechtfertigt darzustellen und ihr möglicherweise mit pauschalisierender Abwertung zu begegnen? In einer repressionsfreien Debattenkultur gilt immerhin der Grundsatz vom "zwanglosen Zwang des besseren Arguments" (J. Habermas). Diesen Grundsatz nicht zu befolgen, kann Anlass sein, eine wertbezogene Rahmendebatte über die Verweigerung von Diskussionsregeln zu initiieren, eine Strategie, die zumindest die Chance hat, den externen Beobachter für sich einzunehmen.

 

Auch bei verschobenen Vorzeichen - d.h. aus einer Verteidigungs-position im Verlauf einer Diskussion um amerikanische Verhaltens-standards heraus - sollte ich mir zur Vorbereitung die Frage stellen: Wie kann ich es erreichen, meine Beurteilung einer politischen Haltung oder Vorgehensweise als gleichwertig und gut begründet darzustellen, um auf diese Weise meinen „Gegner“ dazu zu „zwingen“, meine Position als zulässig anzuerkennen und sich für seine Kontraposition zu rechtfertigen (verteidigen) anstatt nur rechthaberisch auf ihr zu bestehen? Es bietet sich also an, die auf mich bezogene Stigmatisierung durch den proamerikanischen Kontrahenten mittels einer Spieglung der gegnerischen Befangenheit oder Ausblendungsstrategie zurückzuweisen (s.o.). Denn - um dies zu wiederholen - wieso sollte eine differenziert begründete Ablehnung der USA in bestimmten Aspekten stärker einem Ideologieverdacht unterliegen als eine verfestigte Gutheißung amerikanischer Politik und amerikanischen Sendungsbewusstseins?

Es ist zu erwarten oder zu befürchten, dass es noch viele Gelegenheiten geben wird, sich und anderen diese Frage in Erinnerung zu bringen.

 

 

Schluss

 

Angesichts des Umstandes, dass - ausweislich einer reichhaltigen Literatur zu diesem Thema - die Diskussion über antiamerikanische Einstellungen und Äußerungen sich schon über mehr als ein Jahrhundert erstreckt, kann es nicht verwundern, dass ich im Rahmen meiner Überlegungen, über kurze Hinweise zur praktischen Diskussionsbeeinflussung hinaus, auf keinen Lösungsvorschlag - aus welcher Richtung er auch kommen könnte - verweisen kann. Das Thema und der dahinter stehende "Konflikt" wird uns erhalten bleiben, solange das eklatante Machtgefälle zwischen den USA und anderen Staaten bestehen bleibt und solange es keinen Anlass für die Mehrheit der Amerikaner gibt, ihre Dominanz im internationalen Vergleich in Zweifel zu ziehen.

Ob wir wollen oder nicht, diese Dominanz existiert, gründet schließlich auch auf einigen starken Säulen des Systems, von denen - bei aller Ambivalenz - durchaus nicht alle erschüttert werden sollten, wenn wir uns dem Grundsatz der friedlichen Koexistenz verpflichtet fühlen.

 

Wenn also die herrschende Konstellation im internationalen Kräftegleichgewicht - mutatis mutandis - fortbesteht und damit auch der Meinungskampf um die Folgen einer US-amerikanischen Hegemonie, dann können und müssen wir uns auch auf weitere Schlagabtäusche zwischen den Befürwortern und Kritikern/Gegnern amerikanischer Politik und Gesellschaftsorganisation gefasst machen.

Der Kampf um eine angemessene Beschreibung und Begrifflichkeit sowie eine adäquate Bewertung des Wirkens der USA als global player wird also fortgeführt werden.

 

Soweit wir - in welcher Rolle auch immer -  in die Diskussion um US-amerikanische Verhaltensmuster oder Politiken involviert werden, könnte es hilfreich sein, uns Gedanken über die Weise unserer Informationsbeschaffung und -verarbeitung zu machen ebenso wie über unsere Art der Stellungnahme und deren Bedingtheit durch häufig unbewusste oder nur unzureichend vergegenwärtigte Faktoren.

Mit Blick auf den erstgenannten Punkt erscheint es mir sinnvoll, die jeweils aktuelle Beschaffenheit der öffentlichen Meinung (der Verlaufsform des Gesellschaftsdiskurses) als Rahmenbedingung zu „scannen, also die zeittypischen Interessenlagen der Deutschen und ihrer Parteienvertreter zu analysieren. Dies könnte es uns ermöglichen, den momentan wirksamen ideologischen, sozialen und politischen Hintergrund zu verstehen, vor dem wir selbst agieren und damit die Einflussgrößen, die unser Verhältnis zu den USA bestimmen.

 

Zusätzlich dürften sich auch, und dies in nicht geringem Maße, eher subjektive Dispositionen und Befindlichkeiten auf unsere Urteilsbildung auswirken, die jedoch durch kulturellen Austausch kollektiv geteilt werden und dadurch größere Wirkungsmacht erlangen. Hierbei dürften nicht zuletzt die schon weiter oben genannten psychischen Faktoren und Mechanismen zum Tragen kommen, also Übertragungsvorgänge sowie Abwehr- und Entlastungsbedürfnisse. Ohne Kenntnis der Ursachen für meine unter Umständen stigmatisierende Bewertungen anderer und die jenen zugrundeliegenden Projektionen dürfte ein angemessenes Verständnis für die Abhängigkeit meiner Urteilsbildung kaum Erfolg haben.

Generell bedeutet das für jeden, der sich selbstreflexiv dieser Debatte stellt: Erst dann, wenn ich meine eigene Argumentationsweise analysiere, ebenso wie meine Bezugnahmen auf gültige Standards der Gesellschaftlichkeit und einer gerechten Politik, wenn ich weiterhin meine Fähigkeit zur Selbstkritik und zur Überprüfung ungerecht-fertigter Abwehr- und Selbstbestärkungstendenzen (zur Bekräftigung meines nationalen Identitätsgefühls) erwiesen habe, dann habe ich rechtfertigbare Gründe, einen Anspruch auf Rationalität zu erheben und damit das Recht, einen mich diffamierenden Ressentimentvorwurf zurückzuweisen.

Darüber hinaus ist es für eine kühle Urteilsbildung unerlässlich, sich die eigene Legitimationsgrundlage, die eigene Verortung in einem Rahmen politischer und sozialer Überzeugungen – wie oben bei der Berufung auf „gesellschaftliche Werte“ wie Gerechtigkeit, Respekt usw. erwähnt – bewusst zu machen.

Und das wiederum heißt: Unserer tatsächlich eingenommenen Perspektive und Urteilshaltung können wir uns letztendlich nur dann vergewissern, wenn wir auch unsere eigene Kommunikations-geschichte mit den darin eingelassenen Deutungsmustern und Äußerungsformen einer kritischen Prüfung unterziehen.

 

 

Literaturhinweise:

-Berman, Russel A.: Anti-Americanism in Europe. A cultural problem, Stanford 2004

-Beyer, Heiko: Soziologie des Antiamerikanismus, Frankfurt: Campus 2014

Bries

- G. Chiazzo: Antiamericanism and the American World Order, Baltimore 2009

- Diner, Dan: Feindbild Amerika. Über die Beständigkeit eines Ressentiments, Berlin 2002

- Fraenkel, E.: Amerika im Spiegel des deutschen politischen Denkens, Köln 1959

- Gienow-Hecht,J.C.E.: Always Balme the Americans. Anti-Americanism in Europe in the Twentieth Century, in: American Historical Review, 10/2006, S. 1067-1091

- Halfeld, Alfred: Amerika und der Amerikanismus. Betrachtungen eines Deutschen, Jena 1927

- Hertsgaard, Mark: The eagles shadow. Why America faszinates and furiats the World, New Yok 2002

- Hollander, Paul: Understanding Anti-Americanism, Chicago 2004

- Jaecker, Tobias: Hass, Neid, Wahn. Antiamerikanismus in den deutschen Medien, Frankfurt/New York 2014

- Markowitz, Andrei S..: Amerika, dich hasst sichs besser. Antiamerikanismus und Antisemitismus in Europa, Hamburg 2004

- Müller, Felix: Antiamerikanismus als fester Bestandteil der Kultur Deutschlands

- Nitz, Timo:Deutschwer Antiamerikanismus: Grundlagen, Entwicklung und Beständigkeit einer Ideologie, Diplomarbeit, Müchen 2004

- Schwaabe, Christian: Antiamerikanismus. Wandlungen eines Feindbilds, Paderborn 2003

- Schwan, Gesine: Antikommunismus und Antiamerikanismus in Deutschland. Kontinuität und Wandel nach 1945, Baden 1999

-Sparda, Z./Win Davies, Merryl: Why do peaople hate America? Cambridge 2004

- von Thadden, R./Escudier, Alex: Amerika und Europa. Das Bild Amerikas in Europa, Göttingen 2004

 


 

 

 

 Fußnoten:

 1) Je nach Thema und Betroffenheitsumfang ließe sich (in einer Debatte über US-Interventionen) auf kritisierbare Störfaktoren und inakzeptable Zumutungen der anderen Seite – z.B. unerwünschte Einflussnahme, den Gebrauch direkter wie indirekter Zwangs-mittel oder auf hegemoniale Praktiken jeglicher Art – hinweisen. Die oben genannten „Unzumutbarkeiten“ zeigen an, dass wir nicht nur Ziel und Opfer gelegentlicher diplomatischer Pannen und Übergriffe einzelner Marktteilnehmer und Politakteure aus den USA sind,  sondern systematisch geförderter Beeinflussung und Zurichtung mit dem Ziel willfähriger Bereitschaft zur Befolgung fremdbestimmter Ziele unterliegen. Dies festzustellen und zu brandmarken bedeutet nicht, dass es Kritikern bestimmter US-amerikanischer Systemauswüchse um Diffamierung, Häme oder Geringschätzung schlechthin geht, sondern um die begründete Ablehnung gelegentlicher Zumutungen oder – grundsätzlicher noch – eines hegemonialen Gestus mit kolonialen Praktiken, die zurückzuweisen eines jeden selbstbestimmten Bürgers Recht, wenn nicht Pflicht ist.

2) Allerdings sind die in der Literatur wiedergegebenen „Befunde“ auch in diesem Fall mit Vorsicht zu genießen, eine Einsicht in neuere Literatur wäre daher notwendig.

3)In diesen Chor der antiamerikanischen Stimmen wirken nicht zuletzt angesehene deutsche Philosophen, Literaten, Geisteswissenschaftler und Historiker mit, was in der Regel gern ausgeklammert wird. Dazu gehören nach frühen Kritikern wie Niclaus Lehnau, Heinrich Heine auch Jakob Burkhardt, Friedrich Nietzsche, Sigmund Freud und Martin Heidegger, deren Amerika-Kommentare sich nicht gerade durch Mäßigung und Augenmaß auszeichnen.

(4)Unter 'Frame' - ein heute gebräuchlicher Ausdruck für eine Form gedanklicher Konzeptionalisierung - verstehen wir eine stereotypisierte Wissensstruktur, die sich auf je thematisch eingegrenzte, in der Regel affektbesetzte Erfahrungsbereiche bezieht. Frames als organisierende 'Denk- oder Deutungsmuster' bestimmen unser kulturell, aber auch subjektiv-biographisch ausdifferenziertes "Weltwissen", das sich in der Gesamtheit unserer festgefügten sozialen Einstellungen niederschlägt (Siehe dazu die einschlägige Literatur, z.b. von George Lakoff und Elisabeth Wehling: Auf leisen Sohlen ins Gehirn, Carl Auer: Heidelberg 2014). 

(5)Symptomatisch für diese Zerrurteile steht hier Alfred Halfeld (1927, S. 32ff.),

dessen Aburteilungen der amerikanischen Gesellschaft und ihrer Oberflächlichkeit heute ebenso ausfallend wie extrem voreingenommen und dadurch schon lächerlich erscheinen.

(6)Zitiert nach Tobias Jaecker a.a.O. Dehn befindet sich allerdings in "guter" Gesellschaft, denn auch so angesehene Soziologiekoryphäen dieser Zeit wie Werner Tönnies, Max Weber, Karl Mannheim und Nicolaus Sombart legen sich in der Schmähung amerikanischer Lebensart keine Zurückhaltung auf.

(7)Siehe T. Jaecker, S. 343f.)

(8)a.a.O.

(9) Im Laufe der hegemonialen wie imperialistischen Geschichte der USA hat sich - ob nun zugestandenermaßen oder nicht - eine ganze Front anti-amerikanisch oder amerikakritisch positionierter Staaten herausgebildet, seien es nun Kuba, Mexiko, Venezuela, diverse Karibikstaaten oder aber wichtige "Partner-Staaten" in Vorder- und Mittel-Asien, Europa und Afrika.

Eine sehr instruktive, weil aktuelle Erhebung hat G. Chiazzo vorgelegt, in der er zeigt, welche Länder international mit welchen Argumenten auf Distanz zu den USA gehen.

(10) Die wohl vollständigste Sammlung von nachgewiesenen Zitaten findet sich bei T. Jaecker (a.a.O.).

 

 

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© André Lundt