Rezensionsseite

 

 

Ich veröffentliche hier in unregelmäßigen Abständen Buchrezensionen aus eigener Feder.

Im ersten Teil fasse ich Rezensionen zu belletristischen Werken zusammen, im zweiten äußere ich mich, wenn es die Umstände zulassen, zu Fach- und Sachbüchern - vorwiegend aus den Bereichen Soziologie, Politik, Philosophie und angrenzenden Bereichen.

 

 

 

1.  Rezensionen belletristischer Bücher

 

 

 

Aktuelle sind in dieser Rubrik folgende Buchbesprechungen aufgeführt:

 

1.  Gerhard Henschel: Arbeiterroman, Hamburg: Hoffmann & Campe 2017, 527 S.

2.  Gerhard Henschel: Die Liebenden. Briefroman, München: dtv, 752 Seiten

3.  Paul Auster:   4-3-2-1,  Reinbek:  Rowohlt 2017, 1259 S.

4.  Hans-Ulrich Treichel:  Tagesanbruch. Erzählung, Suhrkamp 2016,  87 S.

 

 

 

Gerhard Henschel: Arbeiterroman, Hamburg: Hoffmann & Campe 2017, 527 S.

 

 

Mit seinem jüngsten Roman setzt Henschel die nun schon stattliche Reihe seiner autobiographischen Bekenntnisse und Familiensaga fort, die der Leser bereits in fünf vorangegangenen Büchern und in dem Kollateral-Roman „Die Liebenden“ verfolgen konnte. Gegen die Art der teils sehr detail-, vielleicht auch selbstverliebten Tagebuchaufzeichnungen und der sie begleitenden Apperçus zur norddeutschen Orstgesellschaft ist im Prinzip kaum etwas einzuwenden. Allerdings muss man schon in die hier ausgebreitete verzweigte Familiengeschichte sehr tief eingedrungen sein, um jetzt noch den späten Fortsetzungsband richtig verstehen oder würdigen zu können. Man könnte sich als Erstleser der Henschelschen Vita vorkommen wie jemand, der die Serie „Lindenstraße“ erst jetzt sieht, nachdem die Geschichte schon weit fortgeschritten ist und schon Spuren von Patina zeigt. Ungeachtet dessen bleibt jedoch der Charme der flott und im satirischen Ton geschriebenen Aufzeichnungen über lange Strecken erhalten, auch wenn – zugegeben – zwischenzeitlich Ermüdungserscheinungen aufzukommen drohen, weil die fließbandartige Satireproduktion bei aller Originalität zu schematisiert erscheint und die Sprünge von Eintrag zu Eintrag zu einer starken Fragmentierung des Werks führen.

Dass die Gefahr der Übertreibung des Witz-Modus nicht (noch) schwerer wiegt, hat aus meiner Sicht zwei gleichgewichtige Gründe. Henschel führt uns nicht nur die zahlreichen Volten und Eskapaden eines noch unentschiedenen Lebensplans mit einer Vielzahl von originellen Szenen vor, sondern hintergründig zugleich eine feinfühlig gezeichnete, vor allem aber brüchige und in Teilen tragische Familiengeschichte – zumindest soweit sie sich auf die Eltern und Großeltern des Protagonisten Martin bezieht, wodurch es dem Autor gelingt, die zur Enthemmung neigende Komik in den Kernpassagen des Buches abzupuffern.

Der zweite Grund, in dieser Lebensphasenbeschreibung mehr zu sehen als lediglich eine gedehnte Glosse nach Art vieler Artikel in Titanic, Eulenspiegel & Co., besteht darin, dass Henschel es sehr überzeugend versteht, fast unmerklich und dennoch unübersehbar ein Zeitcolorit der 80er Jahre abzubilden, das leichtfüßig und treffsicher zugleich fast schon in Vergessenheit geratene Vorgänge und Gefühlslagen des alten Vorwende-Deutschland wachruft. Dazu gehören typischerweise Originaltöne von Kanzler Kohl und seiner Entourage, Schlaglichter einer jetzt schon überlebten Alltagskultur mit ihren charakteristischen Wohnformen oder Freizeitriten sowie sehr genaue Beobachtungen der zeitgenössischen literarischen Szene oder der damaligen Moden, wie sie sich etwa im äußeren Habitus und Verhalten oder aber in den Denkorientierungen mit befristeter Gültigkeit niederschlugen. Allemal die letztgenannten Vorzüge bieten einen Anlass, das Buch zur Lektüre zu empfehlen. Da mögen dann jene unter Umständen ein wenig irritiert sein, die von einem Roman – der das Buch zu sein mit dem Titel vorgibt – eine andere oder konventionellere Erzählstruktur und Stilistik erwarten, als sie die gewagte Häppchendarbietung auf gut 500 Seiten bietet, doch über diesen Schatten sollte man letztlich tolerant springen können.

 

 

Berlin, 17.3.2017

 

 

 

 

 

 

Gerhard Henschel: Die Liebenden. Briefroman, München: dtv, 752 Seiten

 

 

Bisher hat Gerhard Henschel vor allem mit mehreren biografischen Bänden auf sich aufmerksam gemacht, wozu etwa „Jugendroman“, „Abenteuerroman“, „Bildungsroman“ und zuletzt der „Künstlerroman“ gehören. Hat man zunächst diese Folge von sehr tagebuchartigen, sehr pointiert und jugendlich flott geschriebenen Lebensphasenprotokollen genussvoll abgearbeitet, erwartet man kaum, dass aus gleicher Feder das zwischenzeitlich verfasste Buch „Die Liebenden“ stammen könnte. Zwar geht es auch in diesem Buch um die über den norddeutschen Raum verteilte Familie Schlosser, doch hat sich der Stil, die Art der Perspektive auf die beschriebenen Personen vollständig gewandelt. Der Grund dafür liegt auf der Hand, denn alle Briefe, die vorwiegend das im Mittelpunkt stehende Paar Richard (1927) und Ingeborg (1929), aber auch ihre nächsten Angehörigen verfasst haben, stehen kommentarlos für sich, sind authentisch und entziehen sich so jeglichem eingreifenden Arrangement oder gar ironisierenden Stellungnahme.

Der Briefroman – sieht man einmal von den jüngst in Umlauf gekommenen Email-Romanen ab – ist heute weitgehend „aus der Mode gekommen“, gilt eher als ein Genre des 17. bis 19. Jahrhunderts, doch nicht nur sein Stil und seine Mitteilungsabsicht haben sich gewandelt, auch sei Verzicht auf alle fiktionalen Elemente in dem Briefwechsel weicht von den historischen Vorbildern

ab.

Die in zahlreichen Briefen erzählte Zeit- und Familiengeschichte erstreckt sich über den langen Zeitraum von 1940 bis 1993. Sie beschreibt die vorsichtige – heute würden wir vielleicht sagen umständliche – Annäherung des späteren Liebespaares in den Jahren nach dem Kriegsende und schildert mit scharfem Blick für die Mühsal der Zeit und die Konventionalität der damaligen Austauschformen die Belastungen, unter denen die Vertreter aus drei Generationen darangehen, sich aus den unvermeidlichen Schuldgefühlen heraus- und in die Realität der neuen Gesellschaft hineinzuarbeiten.

 

Henschel - oder besser den beteiligten Briefverfassern - gelingt es, auf erstaunlich unaufdringliche, weil absichtslose Weise, uns den häufig widersprüchlichen und so „bleiern“ erscheinenden Nachkriegskosmos mit seinen vielen Facetten vor Augen zu führen, d.h. mit allen Verdrängungen, Hoffnungen, Rückschlägen und Chancen des Neubeginns. Auf all jene, denen es erspart bleiben konnte, Zeitzeuge dieser dumpfen, oft auch peinigenden Phase der deutschen Alltagsgeschichte zu sein – man denke an den literarischen Ton des frühen Böll, Anderschs oder Borcherts – werden die frühen Briefe dieses Bandes entweder sehr fremd oder wenigstens sehr bedrückend wirken.

Nach dem ersten Drittel des Buches rückt dann jedoch die Liebes- und Ehegeschichte von Richard und Inge in den Mittelpunkt, die sehr sensible und anrührende Beschreibung ihrer sich intensivierenden Zuwendung und – könnte es anders sein? - der darauffolgenden allmählichen Verflachung und Erstarrung ihrer Beziehung unter dem Druck von Alltagssorgen, beruflich erzwungener Trennung und zunehmender Entfremdung. Letztlich mutiert so der Liebesroman in unaufhaltsamen Schritten zu einer Alltagstragödie, hervorgerufen vor allem durch das Abgleiten Richards, der zusehends zum Eigenbrödler wird, sich von seinen vier Kindern entfernt, seiner Arbeitswut und dem Alkohol verfällt und somit letztlich seine um ihre Eigenständigkeit kämpfende Frau verliert. Schmerzhaft ernüchternd und schonungslos zeichnet Henschel folgerichtig auch das Ende dieses in gewisser Weise epochalen Niedergangs, an dem die Liebenden, die dann doch nicht solche geblieben sind, beide nach verzehrenden Krankheiten den Tod finden.

 

Berlin, 9.3.17

 

 

 

 

Paul Auster:   4-3-2-1,  Reinbek:  Rowohlt 2017, 1259 S.

 

Nach einer längeren Phase relativer Stille um Paul Auster erschien jetzt, im Februar 2017, mit dem Roman „4-3-2-1“ wieder ein großer erzählerischer Wurf des amerikanischen Autors mit europäischer Grundierung. Die Rezensenten in den deutschen Feuilletons sind sich in Ihrer Wertschätzung des „Jahrhundertromans“ mit wenigen Ausnahmen einig und zeigen sich gleichermaßen beeindruckt von der üppigen Stoffülle, der kreativen Grundkonzeption sowie der sprachlichen Gestaltung dieses ungewöhnlichen Entwicklungs-romans.

Das Thema und die Konstruktion der Geschichte sind schnell umrissen: Auster erzählt detailliert und mit langem Atem, jedoch ohne die Aufmerksamkeit und Haftung des Lesers zu riskieren, den Werdegang, genauer die voneinander abweichenden Werdegänge eines Jungen bzw. jungen Mannes, der als Sohn einer jüdischen Einwandererfamilie in New Jersey aufwächst. Dabei weicht der Autor sehr gekonnt von einer einspurigen Geschichtsschreibung ab, vervielfältigt statt dessen die eine nur mögliche Entwicklung des jugendliche Helden Ferguson, in dem er sie in vier unterschiedlichen Ablaufvarianten mit je anderen Ereignisketten entwirft. Das Motiv der Geschichtsbrechung, der Fragmen-tierung von eingespielten und erwartbaren Biographien sowie das Thema des Doppellebens sind in Austers Werk ja bereits erprobte auktoriale Elemente. In „4-3-2-1“ jedoch weitet er diese Spielart der Geschichtsführung genial aus und perfektioniert sie in Form einer eines mehrfach verschachtelten und wiederholten Perspektivenwechsels. Statt nur eine Hauptfigur Ferguson auf ihrem Weg zur Selbstfindung von der Kindheit bis zur Adoleszens beschreiben, ersinnt Auster vier parallele Lebensverläufe, ohne jedoch dabei den Persönlichkeitskern des Protagonisten aufzulösen. Zwar durchlaufen die vier Fergusons ganz unterschiedliche Lebensstationen, treffen auf je abgewandelte Situationen, soziale Umfelder, Freunde und Liebschaften, doch erkennen wie in allen Varianten dieser Entwicklungsgeschichte eine identische Figur wieder, einen Charakter mit bleibenden Vorlieben, Träumen und Grundsätzen. Man fühlt sich an Musils Chiasmus von „den möglichen Wirklichkeiten“ statt der „einen wirklichen Möglichkeit“ erinnert, mithin an die Unbestimmtheit zukünftiger Geschehnisse, Entscheidungen oder Persönlichkeitsgeschichte und an die Zwangsläufigkeit einer linearen, alternativfreien Lebensplanung.

 

Was den komplexen Roman erdet und narrativ zusammenhält, ist zum einen der sehr stabile Handlungsrahmen, in diesem Fall die geradezu filmisch konkret nacherzählte amerikanische Geschichte von ca. 1955 bis 1969 mit ihren Umbrüchen und Widersprüchen, d.h. ihrer politischen und mentalen Enge, ihren rassistischen und nationalistischen Auswüchsen sowie den inneren sozialen Konflikten einerseits, aber auch mit ihrer Vielfalt an Lebensformen und -entwürfen, mit der Widerstandskraft der kreativ-liberalen Kräfte und mit den durch sie herbeigeführten Veränderungen andererseits.

In diesem ebenso sorgfältig wie kritisch skizzierten Rahmen realisieren sich nun die mannigfaltigen Werdegänge des jungen „Helden“: Wir werden Zeugen aller mehr oder weniger typischen Gefühlslagen, Herausforderungen, Erfolge und Niederlagen des Highschool-Absolventen, später dann Collage-Studenten Ferguson, seiner Zu- und Abneigungen gegenüber Eltern und Familie, seiner sexuellen Erkundungen und Ausschweifungen, seiner Einsamkeits- wie Beziehungserfahrungen, dann aber auch – und hierauf liegt wohl der Schwerpunkt dieser Charakterbildungsgeschichte – seiner bedingungslosen Hingabe an Literatur und Schriftstellerei, aber auch an Film und Filmkunst und nicht zuletzt an den Sport (wobei es dem nicht so sehr mit amerikanischen Sportarten vertrauten Leser gelegentlich schwer fallen könnte, dieser Leidenschaft das gewünschte Verständnis entgegenzubringen).

 

 

Ein zentrales Verbindungselement neben den schon genannten Leidenschaften, die sich durch sämtliche vier Entwicklungsperspektiven hindurchziehen, ist zudem das bleibend komplizierte Verhältnis Fergusons zu seiner Jugendfreundin und später – durch Neuverheiratung der Mutter – seiner Stiefschwester Amy. Mit der Verankerung dieser zwischen Freundschaft und Liebe oszillierenden Beziehung gelingt Auster zweierlei: Er führt mit Fergusons (idealisiertem) Partnerideal zum einen ein entscheidendes Element der sozialen Rahmenkonstruktion in die Gesamtgeschichte ein, wodurch wir eine für die narrative Kontinuität des Roman dienliche Stütze erhalten; zum anderen macht sich Auster die zweite Zentralfigur zunutze, um im Zuge ihrer Charakterzeichnung weiterreichende Themenbezüge für den Roman zu schaffen. Amy ist mit ihrem ausgeprägten sozialen und politischen Engagement in Fragen des Rassismus, der Frauenrechte sowie des amerikanischen Kriegseinsatzes in Vietnam für den Autor einer der wichtigen Ansatzpunkte und „Türöffner“, um einen intensiveren Blick auf die innere Zerrissenheit der USA , auf die sozialen Spaltungen und Gerechtigkeitsdefizite sowie auf die Gewaltbereitschaft der Gesellschaft der 60er Jahre (und darüber hinaus) zu werfen. Dass Amy im Verlauf der Erzählung mit ihrem großen Plan, die schlechten Verhältnisse ihres Landes zum Besseren zu wenden scheitert und – wie schließlich auch der vierte Ferguson – die Heimat verlässt, macht nur deutlich, wie illusionslos auch Auster die politischen Verhältnisse der Zeit sieht.

 

Womit wir zuletzt bei dem Verhältnis angelangt sind, in dem der Autor selbst zu dem Romangeschehen steht. Die biografischen Bezüge zur Handlung des Buches muss man nicht überbewerten, aber es ist nicht zu übersehen, dass vieles in „4-3-2-1“ auf den Erfahrungen Austers und auf den Prägungen beruht, die er in den 50er und 60er Jahren selbst erfahren hat. Wie Ferguson, bzw. die eine oder andere seiner Personenvarianten, ist er in Newark (New Jersey) aufgewachsen, hat sich der Schriftstellerei ergeben, lange Zeit in Paris gelebt, hat er die Ermordung der Kennedy-Brüder und Martin Luther King's miterleben müssen, hat er an der Columbia Universität in New York studiert und dort auch später seine Heimat gefunden. Dieser Umstand erklärt nicht zuletzt die Stimmigkeit der entsprechenden Schilderungen zeitgeschichtlicher Ereignisse und der sie begleitenden Reflexionen.

 

Wer immer einen reichen und differenzierten Erzählstil schätzt, wer sich an einer Vielzahl subtiler Charakterzeichnungen erfreut und nicht zuletzt eine Blick zurück auf die im Buch analysierten Jahre zu werfen bereit ist, dem empfehle ich dieses Werk sehr. Es ist keineswegs übertrieben, in diesem Fall von einer erzählerischen Glanzleistung zu sprechen, die baldige Zuwendung verdient.

Ein Tipp am Rande dazu, den auch andere Rezensenten gegeben haben. Lesen Sie das Buch zügig hintereinander weg, damit der innere Zusammenhang nachvollzogen werden kann und die hin und wieder doch recht unübersichtlichen Überschneidungen und Abweichungen in den einzelnen Lebensverläufen die Lektüre nicht erschweren.

 

 

 

 

 

Berlin, 5.3.17

 

 

 

Hans-Ulrich Treichel:  Tagesanbruch. Erzählung, Suhrkamp 2016,  87 S.

 

Schon mit dem Ende der 90er Jahre erschienenen Roman „Der Verlorene“ machte Hans-Ulrich Treichel auf sich und auf das Thema von Flucht und Vertreibung nach dem 2. Weltkrieg aufmerksam. Mit seiner nun erschienenen Erzählung „Tagesanbruch“ knüpft er erneut an jene Epoche der deutschen Geschichte an, dieses Mal jedoch sehr viel indirekter und aus einer abgeänderten, ungewohnten Perspektive. Der Plot dieser sehr konzentrierten und straff erzählten literarischen Miniatur von lediglich 87 Seiten ist mit wenigen Worten umrissen: Eine Mutter verbringt die frühen Stunden der Morgendämmerung vor dem Krankenbett ihres soeben gestorbenen Sohnes, den sie in ihren Schoß bettet, um dort Abschied von ihm zu nehmen. Die auf ein Minimum reduzierte Szene erinnert an die berühmte Pietá „Mutter mit totem Sohn“ von Käthe Kollwitz in der Berliner Neuen Wache, doch macht sie sich deren sentimentalen, leidgebeugten Gestus nicht zu eigen. Und gerade dieser Verzicht auf den jetzt möglicherweise zu erwartenden Ton einer schon so oft in Variationen angestimmten Totenklage ist es, der Treichels Werk heraushebt und ihm ein ganz individuelles Profil verleiht.

 

Die Erzählung beginnt lakonisch in einem durchaus nüchtern zu nennenden Grundton mit einer Rückschau auf die Familiengeschichte, die sich im Rahmen äußerst bescheidener Lebensverhältnisse in den damaligen Ostgebieten abspielte. Der Ehemann und Vater betrieb zunächst im ukrainischen Wolhynien, später in Polen einen Bauernhof, nach Kriegsende dann einen kleinen Textilienhandel in Deutschland, um dessen Buchführung sich ihrerseits die Mutter kümmerte. Alles am Leben dieser „ehrbaren“ deutschstämmigen Kleinfamilie verlief in bescheidenen Bahnen, in nahezu pietistischer Ordnung und Tugendhaftigkeit, die ihren sinnhaften Ausdruck in Sammeltassen und „Dürers „Betenden Händen“ fand. Treichel lässt die Mutter das leitende Lebensmotto auf den Punkt bringen: „Wir machten immer alles, wie es sich gehört, weil es so rechtens war und um ruhig schlafen zu können“. Der jähe Einbruch in dieses Stillleben folgt jedoch mit dem Kriegsende, wodurch das Ehepaar auf den Fluchtweg Richtung Westen gezwungen wird. Noch auf polnischem Gebiet werden sie von russischen Soldaten überfallen, der Mann niedergeschlagen, die Frau mehrfach vergewaltigt. Es ist dieses Schlüsselerlebnis, gewissermaßen „die ungewöhnliche Begebenheit“ der klassischen Novelle, die daraufhin die Eltern, vor allem die Mutter, zu einer Neuanpassung und -bewertung ihres „zweiten Lebens“ heraus-fordert. Sie bringt – endlich in der neuen Heimat angekommen – ihren Sohn zur Welt, dessen Abstammung die Eltern zwar erahnen, jedoch mit Absicht und aus guten Gründen nicht aufklären wollen.

 

 

Im „neuen“ Land und in der neuen Zeit wächst nun der Sohn heran, dessen Namen wir ebenso wenig erfahren wie den der Eltern – ein weiterer Hinweis darauf, dass es Treichel eher um die Aufzeichnung von zeitgebundenen Lebensumständen geht als um individuelle Charakteristiken. In dieses Muster fügt sich, dass Vater und Mutter trotz ihrer jeweiligen Behinderungen - er ist schwer versehrt, sie hat sich einer Brustamputation unterziehen müssen - zu bescheidenem Wohlstand gelangen, vor allem aber ihrem Sohn eine unbelastete Jugend, später auch eine Karriere als Akademischer Rat ermög-lichen. Auch wenn die Erzählung uns keinen direkten Hinweis darauf gibt, legt sie uns doch die Deutung nahe, dass untergründig ein nicht tilgbarer Rest von Scham das Verhalten der Eltern dem Sohn gegenüber bestimmt.

Das Handlungsgerüst des Buches ist einfacher kaum zu gestalten. Die Wirkung aber, der starke Eindruck, den dieser schmale Band beim Leser erzeugt, geht, wie schon bemerkt, von der besonderen Form der Selbstreflexion der trauernden Mutter aus. Was sie sich – den Sohn im Arm haltend – bei Tagesanbruch vergegenwärtigt und was sie – mit geradezu kurioser Gewissenhaftigkeit – auf einem „billig erstandenen“ Spiralblock festhält, ist die reinigende Vergegenwärtigung einer drückend lastenden Vergangenheit, mehr noch ein klarsichtiges Schmerzensprotokoll ohne Selbstmitleid. Ein bei aller Intimität der Situation kühlerer, teilweise auch distanzierterer Rechenschaftsbericht als dieser ist kaum denkbar. Die Mutter selbst spricht aus, dass und wie sie sich einer Kur der Selbsterklärung unterziehen möchte bzw. muss: „Ich will ehrlich sein. Es hilft, ehrlich zu sein und alles deutlich auszusprechen. Wenn ich alles deutlich ausspreche, hat es keine Macht mehr über mich.“ Aber sie kennt auch die Grenzen der Zumutbarkeit, wenn sie in Erinnerung an ihre Vergewaltigung feststellt: „Man kann nicht alles aussprechen“ - womit sie sich zugleich ihrer eigenen unausweichlichen Widersprüchlichkeit stellt.

Wer „Geschmack“ auf dieses raffiniert gefertigte Tableau bekommen möchte, lese nur die ersten und die letzten Sätze, die auf nahezu satirische Art das Scharnier zur sozialen Außenwelt der Abschiedsszene bilden.

 

 

Berlin, 28.2.17

 

 

 

 

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© André Lundt