Teil  3:    Interpersonelle Kommunikation
 


Viele Darstellungen zu den Aufgaben und Funktionen von Öffentlichkeitsarbeit legen ihren Schwerpunkt auf Instrumente und Strategien der Medien- bzw. der Massenkommunikation, was angesichts des hohen Penetrations- und Wirkungsgrades dieser Kommunikationsformen verständlich ist. Allerdings kann eine solche Präferenz die Einsicht verstellen, dass ein erheblicher Teil der kommunikativen Tätigkeiten, die im Kontext von Public Relations auftreten, auf direkte zwischenmenschliche Kommunikation entfällt.

Augenfällig wird die Bedeutung interpersoneller Kommunikation auch im Bereich professioneller Öffentlichkeitsansprache dann, wenn Beratungs- oder Klärungsgespräche geführt und ebenso, wenn Gruppendiskussionen oder Kleinkonferenzen veranstaltet werden - wenn also die Kommunikation von Angesicht zu Angesicht (face-to-face) systematisch geplant und realisiert wird. Dagegen scheint es so, als übersähen wir manchmal, dass interpersonelle Kommunikation eine Art Plattform der zwischenmenschlichen Verhaltenskoordination schlechthin ist, auf deren Normen und Muster wir uns immer wieder zurückbeziehen. Dies zeigt sich beispielsweise an der Form der Nachkonstruktion bzw. Simulation von Dialogen auch in massenmedialer Ansprache wie in Anzeigen oder Foldern, deren Kommunikationswirkung eben darauf beruht, dass ein quasi persönlicher Beziehungskontext unterstellt wird.

 

1.   Eine Begriffsbestimmung

 

Was zeichnet nun die interpersonelle Kommunikation aus, und wo liegen ihre Grenzen zu anderen Kommunikationsformen?

 

„Interpersonelle Kommunikation ist ein Prozess der wechselseitgen Beziehungsaufnahme und Beeinflussung zwischen einer begrenzten Anzahl von Personen, die sich unter Verwendung eines gemeinsam geteilten Symbolsystem austauschen, wobei alle Beteiligten in einer raumzeitlich gebundenen Situation gleiche Chancen haben, aufeinander eizuwirken“.(1)
 

Wesentliche Voraussetzungen für das Zustandekommen und die Weiterführung interpersoneller Kommunikation sind dabei

1. eine beschränkte Gruppengröße

2. die gegenseitig Wahrnehmbarkeit und Ansprechbarkeit
der Gruppenmitglieder,

3. die Möglichkeit, untereinander Feed­back zu geben und zu erhalten sowie

4. das Vorhandensein einer gemein­samen Sprache unter Einschluss auch nonverbaler Symbole.

 

 

2. Merkmale der interpersonellen Kommunikation


(1)  Die Frage, wie viele Personen denn genau miteinander erfolgreich wechselseitigen Kontakt aufnehmen können, ist wegen der mannigfachen Gestaltungsmöglichkeiten von Kommunikationsprozessen nicht eindeutig zu beantworten. Sicherlich steht die Dyade, also die Zweierkonstellation, als kleinste interpersonelle Kommunikationseinheit fest, während die Grenze nach oben dort zu ziehen ist, wo die Beziehungsauf­nahme aller Teilnehmer untereinander nicht mehr gewährlei­stet werden kann.

Die Gruppenforschung hat dieses obere Limit bei etwa 20 Mitgliedern angesetzt.(2) Werden es mehr, so besteht schnell die Tendenz zur Ausbildung von Subsystemen, also dissoziierten Kleingruppen innerhalb der Großgruppe, oder aber die Kom­munikation wird einseitig, indem jeweils nur ein Teilnehmer referiert.

Hinsichtlich Teilnehmerzahl und Kommunikationsfunktion ist es sinnvoll, bestimmte Typen der interpersonellen Kommuni­kation zu unterscheiden. So ist das kommunikative Verhalten einer Dyade ein signifikant anderes als das einer Kleingruppe (von drei bis etwa zehn Personen), und diese unterscheidet sich wie­der nach ihren Zielsetzungen und Beziehungsformen von einer innerorganisationalen Gruppe (wie z.B. einer Abteilungskon­ferenz) mit einem höheren Formalitätsgrad der Interaktion.

 

(2)  Gegenseitige Wahrnehmbarkeit der kommunizierenden Personen ist unabdingbar zur Steuerung und Kontrolle der Interaktion, denn nur bei fortwährender Kopräsenz im Raum haben die jeweils Interagierenden die Möglichkeit (und den Vorteil), das gesamte kommunikative Repertoire - einschließlich körper­sprachlicher Zeichen(3) - zu nutzen oder aber auch, materiell­-dinglich - durch Austausch von Gegenständen – miteinander zu kommunizieren. Welche überragende Rolle die Gesamtwahrnehmung einer Person im Gegensatz zu einer nur partiellen Präsenz (wie bei telefonischer oder schriftlicher Kommunikation) spielt, erkennen wir zuallererst an den emotionalen Anteilen und Bot­schaften des kommunikativen Verhaltens, an der sich ent­wickelnden Beziehungsdynamik(4) zwischen den interagieren­den Personen und an dem dadurch begründeten Gesprächs­klima. Gefühle wie Vertrauen und Mißtrauen, Zu- oder Abnei­gung, Hoch- oder Geringschät-zung u.a. gehen vor allem aus einem ganzheitlichen Personenerfahrungsprozeß hervor.
 

 

(3)  Wechselseitige Beeinflussung und Feedba&verhcdten bedingen einan­der, insofern eine (nicht nur zufällige) Einflußnahme auf eine Person die Folge einer Verarbeitung von Eindrücken oder Sig­nalen ist, die von eben dieser Person ausgingen. Entscheidend kommt jedoch hinzu, daß ein Sprecher, der seinem Partner im Gespräch ein Feedback liefert, nicht allein auf Inhalt und Form der Partneräußerung reagiert - quasi systemisch kondi­tioniert -, sondern auch Anteile seiner selbst in Form interner Reaktionen zurückvermittelt. Unter Feedback ist also ein auf den Empfänger wie auf die eigene Person bezogenes Ant­wortverhalten als Reaktion auf ein vorangegangenes Verhalten zu verstehen.(5)
Im konkreten Kommunikationsverlauf gestalten sich Feed­backprozesse sehr komplex, denn entgegen einer vereinfa­chenden, linearen Vorstellung von Kommunikation(6), in der immer nur ein Kommunikator „sendet“ und einer „emp­fängt“, ist es tatsächlich so, dass im interpersonellen Austausch alle unmittelbar kommuni-zierenden Partner fortlaufend Feed­back geben, und dies in unterschiedlichen Formen, Richtun­gen oder Graden der Direktheit.

Für das Verständnis von Prozessen der Interaktionssteuerung ist - wie schon angedeutet - das Zusammenspiel von externem und internem Feedback wichtig. Externer Feedback liegt vor, wenn Sprecher auf zuvor gemachte Partneräußerungen rea­gieren, z.B. mit Kopfnicken oder Schmunzeln, interner Feedback hingegen findet statt, wenn wir unsere eigenen Äußerungen „abhören“, und auf ihre Wirkung hin überprüfen und gegebe­nenfalls Schlussfolgerungen daraus ziehen. Dass in realen Unterhaltungen zwischen beiden Formen nicht scharf getrennt werden kann, liegt schließlich daran, dass wir ständig simultan reagieren, d.h. wir hören auf unsere eigenen Worte, sehen das reaktive Minenspiel bei unserem Gegenüber und reagieren auch darauf, so dass schließlich ein miteinander verwobenes Beobachtungs- und Anpassungsverfahren abläuft.

 

Für erfolgs- wie für verständigungsorientierte Kommunikation(7) sind darpüber hinaus drei Feedback-Typen zu unterscheiden: Als erster der Positiv/Negativ-Feedfback, mit dem wir eine Korrektur beim anderen anstreben - etwa durch lobende oder tadelnde Äußerungen. In Motivations- oder Lehrgesprächen ebenso wie in Anweisungen treten diese Feedback-Techn iken gehäuft auf.

Anders geartet ist demgegnüber ein Korrektur-Feedback, das vorweigend auf Anpassung an das Interaktionsgeschehen und auf die inhaltliche Themenentwicklung zielt. Hier geht es demzufo,ge eher um das Erreichen von Integration und Konsens, mithin um ein eher verstäöndigungsorientiertes Verhalten, wsie es typischerweise in Klärungsgesprächen vorkommt.

Schließlich ist auf den - manchmal folgenschweren - Unterschied von direkten oder indirekten, bzw.von absichtlichen und unabsichtlichen Feedback-Äußerungen zu verweisen. Zu den absichtlichen Rückkopplungen sind all jene zu rechnen, die wir bewusst einsetzen, um eine bestimmte Kommunikationswirkung zu erzielen. Unabsichtliche Rückkopplungen dagegen werden in aller Regel nonverbal (= körpersprachlich) oder paraverbal(8) vermittelt. Eine Reihe von alltäglichen Kommunikationsproblemen hängt damit zusammen, dass Teilnehmer an interpersoneller Kommunikation zwar ihr direktes Feedback zu steuern vermögen, nicht aber das indirekte in Form von unwillkürlicher Gestik oder Mimik. Daraus können sich im gelinden Fall Ungereimtheiten ergeben, im schlimmsten Fall jedoch Zerwürfnisse oder nicht auflösbare Verhaltensparadoxien.(9)

 

(4) Jede Verständigung in sozialen Gruppen oder Systemen ist an ein gemeinsames Zeichenrepertoire gebunden, worunter nicht nur die Wörter der jeweiligen Gemeinschaftssprache fallen, sondern ebenso Gesten, Körperhaltungen, mimische Ausdrücke und der Umgang mit Symbolen wie Rangabzeichen oder mit Farben und anderen Zeichenträgem.(10) Die Beherrschung von Kommunikationsnormen spezieller Kommunikationsgemeinschaften bzw. Gruppen schließt also nicht nur den Gebrauch einer Basissprache (z.B. des Deutschen oder Finnischen) ein; vielmehr gelten darüber hinaus in besonderen sozialen oder institutionellen Subkulturen Spezialcodes, deren Beherrschung bei anerkannten Mitgliedern der jeweiligen Kultur oder Gruppe vorausgesetzt wird. Die Funktion von Son- derrepertoires innerhalb des Gesamtsystems des symbolischen Handelns besteht vor allem darin, das Gruppenvertrauen sowie das Wir-Gefühl zu verstärken und eine gewisse Intimität in der Kommunikationsgemeinschaft herzustellen. Ein ausgeprägtes Gruppenverhalten mit signifikanter Binnensymbolik zieht gewöhnlich eine spürbare Außenabgrenzung nach sich, die im negativen Fall bis zur Entwicklung von Wahrnehmungsbeeinträchtigungen und „Lagerdenken“(11) führen kann. Derartige Phänomene eines markanten Selbstabschlusses gegenüber der sozialen Umwelt sind keineswegs nur an privater Kleingruppenkommunikation zu beobachten, sondern finden sich auch in Organisationen und Institutionen wieder. Dabei sollte der Begriff ‘Repertoire’ nicht zu eng im Sinne eines Katalogs mit geordneten Einheiten - wie in einem Lexikon - verstanden werden.(12) Sonderformen der Symbolik und des Verhaltens in Gruppen bilden sich eher kreativ heraus, sind wandelbar und haben einen großen Formenreichtum. Sie reichen einerseits von internen Sonderbezeichnungen und Namensgebungen über Metaphern bis zu nicht-sprachlichen Symbolen (z.B. Sitzordnungen und Abzeichen), andererseits von Zeremonien und Ritualen (der Begrüßung, des ‘Sich-Aufziehens’ oder des Schweigens) bis hin zu Formen der taktilen Kommunikation oder des Distanzverhaltens als Symptom für emotionale Nähe und Befindlichkeit.(13)
 


3.   Funktionen und Leistungen der interpersonellen Kommunikation

Obwohl interpersonelle Kommunikation hinsichtlich ihrer Prozessform (des fortwährenden Feedbacks) und Funktion nicht strikt von medialer Kommunikation getrennt werden kann - insofern nämlich die Folgen direkter Interaktion aufgrund von einmal in Gesprächen eingegangenen Verpflichtungen sich auch auf indirekte Anschlusskommunikation länger aus wirken stellt sie einen einzigartigen Kontext der Sozial- und Selbsterfahrung dar.
Ein wesentlicher Grund dafür - wir haben schon unter Hinweis auf den Feedbackprozess davon gesprochen - liegt in der Unmittelbarkeit der gegenseitigen Wahrnehmung und Verhaltenskontrolle sowie in der Eigendynamik und Unaufhaltsamkeit des direkten interaktiven Umgangs miteinander. Während nämlich bei raumzeitlich getrennten Kommunikationssequenzen - wie zwischen Autor und Leser - ein hohes Maß an strategischer Planung und Aussagenkontrolle möglich ist (z.B. Korrekturlesen und rhetorischer Feinschliff), erfordert direkte Interaktion relative Spontaneität und erlaubt nur bedingt eine durchgehende Verhaltenskontrolle. Interpersonelle Kommunikation setzt uns nämlich der Chance und dem „Zwang“ zum Situationsmanagement aus, verlangt immer wieder ein momentanes Aussteuern von Anpassungs- und Beeinflussungsverhalten, ohne dieses - unter der Bedingung sozialer Symmetrie - autonom steuern zu können.

 

Auch ohne dass wir uns dessen bewusst werden, vollziehen sich daher in interpersoneller Kommunikation immer wieder aufs Neue Einordnungen in Form von Fremd- und Selbstdefinitionen. So gesehen ist die Kommunikation von Angesicht zu Angesicht diejenige Situation, in der Sozietät entsteht, also die Begründung gemeinsam ausgehandelter Beziehungen, Bedeutungen und Normen, auf deren Grundlage wir uns überhaupt erst integrieren, unseren gesellschaftlichen Standort bestimmen können. Der komplexe Vorgang der Sozialisation in interpersoneller Kommunikation umfasst dabei beides: kognitive und emotionale Erfahrungen, d.h. sozial bestätigte Wahrnehmungen als Möglichkeit der Wirklichkeitsbeschreibung einerseits und inneres Erleben eigener wie fremder Gefühle als Grundvoraussetzung zwischenmenschlicher Beziehungsfähigkeit und -gestaltung.
Interpersonelle Kommunikation ist insofern in ihrer Doppelfunktion zu begreifen: sie ist zum einen ein fundamentales Medium gesellschaftlicher Organisation und eine Ressource für Erfahrungsorganisation, zum anderen ein Medium der gegenseitigen Steuerung und des Informationsaustausches über Gegenstände der Objektwelt.

Unter Bezug auf den amerikanischen Sozialpsychologen A H. Maslow können wir sagen, dass interpersonelle Kommunikation (z.B. über lebenssichernde Maßnahmen) sowohl das primäre Bedürfnis nach physischer Sicherheit zu befriedigen hilft als auch das Bedürfnis nach sozialer Geborgenheit.(14) Der Maslow-Schüler William Schulz spezifiziert die sozialen Bedürfnisse genauer in
1. Einbeziehung/Zugehörigkeit, womit er befriedigende Interaktionsbeziehungen zu anderen Menschen meint
2. Kontrolle im Sinne der wechselseitigen Verhaltensbeeinflussung zur Erhöhung von Berechenbarkeit und
3. Zuneigung als Ausdruck der Bereitschaft zur Selbstöffnung und der emotionalen Annahme durch andere.(15)

Zugehörigkeitsgefühle bilden die notwendige Voraussetzung für eine Einsicht in die Denkweise und den Handlungssinn anderer und sind grundlegend für die eigene Bereitschaft, etwas von sich selbst anderen gegenüber preiszugeben bzw. an der Verwirklichung gemeinsam gesteckter Ziele mitzuwirken. Die (partielle) Kontrolle (im Sinne von Beeinflussbarkeit) des Verhaltens jener Personen, mit denen wir interagieren, ermöglicht und unterstützt unsere Selbstwahrnehmung wie unsere Selbstbehauptung und hilft uns, potentielle Verhaltensrisiken abzuschätzen bzw. ihnen entgegenzuwirken. Zuneigung(16) und das Gefühl akzeptiert zu werden sind schließlich essentiell, um Emotionen darstellen und ausleben zu können wie auch, um über Selbstöffnung und Empathie zu intensiver Bindungsfähigkeit zu gelangen.(17)

 

 

4.  Vertrauen in interpersoneller Kommunikation

Die Grade, in denen Vertrauen in Kommunikation unterstellt und eingebracht wird, variieren mit den Situationsbedingungen: In engen dyadischen Beziehungen ist gewöhnlich Vertrauen ein existentielles Bindungs-element, ohne dass Nähe und Selbstoffenbarung nicht entstehen könnten. In Kleingruppen steht das Maß an Vertrauen insofern auf dem Prüfstand, als hier entweder das Handlungsziel der Gruppe ausschlaggebend sein kann (wird eine für die Beteiligten riskante Entscheidung getroffen oder geht es nur um die Lösung eines praktischen Problems?) oder das strategische Eigennutzenkalkül, bei dem die individuelle Vorteilsorientierung überwiegt. Vertrauensrisiken birgt interpersonelle Kommunikation vor allem in Fällen, in denen, wie vielfach in institutionellen oder organisationellen Kontexten, a priori strategisch gehandelt wird. Professionelle Öffentlichkeitsarbeit - beispielsweise von Unternehmen - erweist hier häufig ihre Anfälligkeit für eine dilemmatische Situation: Sie ist einerseits bestrebt, die Rahmenbedingungen des Gesprächs, d.h. Direktheit/Nahe und damit wechselseitige Verhaltenskontrolle und Haftbarkeit für Aussagen und Versprechungen, zur Vermittlung eigener Glaubwürdigkeit zu nutzen; andererseits wird profitorientierte Öffentlichkeitsarbeit aber durch die strategische Verfolgung von Eigen- oder Auftraggeberinteressen dazu gezwungen, dem mit dem unterstellten Vertrauensverhältnis entstehenden Aufrichtigkeits-verpflichtungen nur nach Maßgabe der Opportunität nachzukommen. Dies deshalb, weil sie andernfalls Gefahr liefe, ihre eigennützigen Ziele zu gefährden, wenn sie zu sehr auf partnerseitige Erwartungen und Ansprüche einginge.

Vertrauen steht zwangsläufig in antagonistischer Spannung zu Vorsicht oder Misstrauen und muss, solange es nicht ‘blind’ gewährt wird, erst erworben und gesichert werden. So leisten wir in interpersoneller Kommunikation einen stetigen Abtast- und Kontrollprozess, um uns der Vertrauenswürdigkeit einer Situation oder der mit uns interagierenden Personen zu vergewissern. Brooks und Emmert führen einige Kriterien an, nach denen ihrer Auffassung nach ein Individuum eine Situation daraufhin überprüft, ob es eher eine vertrauensvolle oder eine defensive Haltung einnehmen soll. Danach sind ausschlaggebend:

1. die sachliche Kompetenz und das thematische Wissen der anderen Person(en), weil hiervon die Sicherheit in der Fakteneinschätzung abhängt

2. die Zuverlässigkeit der/des anderen, die sich in der Vorhersagbarkeit von Verhaltenswahrscheinlichkeit, in Ehrlichkeit und in allgemeiner Verhaltenskonsistenz manifestiert und

3. die Intentionen der/des anderen sowie die Kongruenz zwischen den Zielvorstellungen egos und alters, da aus einer ähnlichen Interessenlage auf vergleichbare Handlungstendenzen geschlossen werden kann.18 Unberücksichtigt bleiben in dieser Liste allerdings die weniger objektivierbaren intrapsychischen wie interpsychischen Faktoren wie Selbstsicherheit bzw Unsicherheit, Sympathie bzw. Antipathie sowie mögliche Ähnlichkeiten in Persönlichkeitsmerkmalen oder auch subjektive Übertragungsvorgänge.19

 

 

5.   Die Rolle des Selbst in der interpersonellen Kommunikation

Die Bedeutung sozialer Interaktion für die Konstitution des Subjekts ist Gegenstand vieler kommunikationssoziologischer wie - psychologischer Analysen.20 Unter entwicklungspsychologischen Aspekten betrachtet, bildet die Entwicklung des Subjekts sowohl eine bioorganische wie eine sozial-kommunikative Geschichte.(21) Letzteres insofern, als die Ausbildung von Selbstbewusstsein und Identität eine Folge zahlreicher und zugleich sehr unterschiedlicher kommunikativer Austausch-beziehungen ist. Selbstkonzepte - verstanden als integrative Summe der unterschiedlichen Formen der Ich-Erfahrung oder der externen Ich-Definition durch andere - müssen sich trotz Vorstrukturiertheit in jeder Kommunikationssituation neu bewähren, sind mithin ständiger Revision und Herausforderung ausgesetzt.(22) Ein bislang gültiges Selbstkonzept kann etwa durch wiederholte Erfahrungen des persönlichen Versagens Schaden nehmen und eine signifikante Verhaltensveränderung bewirken. In einem anderen Fall können wiederkehrende Eigenschaftszuschreibungen (Etikettierungen) durch andere dazu führen, dass wir bestimmte Verhaltensweisen abschwächen oder verstärken bzw. - bei genügend nachhaltiger Etikettierung - sogar unser Selbstbild partiell modifizieren. (23)

Untersuchungen zur interpersonellen Kommunikation legen weiterhin dar, dass Personen auf Bewertungen durch andere ihrerseits mit einer Art Selbstschutz reagieren, indem sie selektiv vorwiegend solche Botschaften aufnehmen, die mit ihrem Selbstkonzept übereinstimmen und so die Selbstwahrnehmung konsistent erhalten.24 Dieser Befund wird bestärkt durch eine komplementäre Stratege der Selbstbehauptung. Unser Selbstbild reguliert nämlich zugleich das Ausmaß unserer Kommunikationsbereitschaft wie unserer Kommunikationshemmung: Ich- starke und selbstbewusste Personen können sich kritischen Kommunikationssituationen furchtlos aussetzen; scheue und gehemmte Personen hingegen versuchen, kontroverse oder kompetitive Kommunikationsbeziehungen zu vermeiden.(25)

Analysen und Erkenntnisse dieser Art weisen darüber hinaus einen Weg, interpersonelle Kommunikation unter Gesichtspunkten der Identitätsbalance und der Erträglichkeit für die beteiligten Kommunikatoren in gegebenen Grenzen zu planen. Ein positives Beispiel hierfür sind Motivationsgespräche, deren Funktion darin besteht, gezielt die förderungswürdigen Eigenschaften einer Person zu betonen und so deren Selbstwertgefühl zu bestärken.
 

6.   Situationsrahmen für interpersonelle Kommunikation

Die Grundfunktionen interpersoneller Kommunikation - wir nannten vor allem Beziehungskoordination, interaktiven Objektbezug, Verhaltenskontrolle und Identitätskonstitution - sind zwar universale Prozesselemente jeder Interaktion, kommen jedoch unter unterschiedlichen situativen Bedingungen des Kommunizierens verschieden stark zum Ausdruck. Wesentlichen Einfluss auf den interaktiven Prozessverlauf haben vor allem drei Faktoren der konkret anzutreffenden kommunikativen Konstellation (26): der Kommunikationszweck, die Gruppengröße und die raumzeitlichen Bedingungen. Der letztgenannte Faktor soll hier nur angedeutet werden. So hängt der Erfolg des interpersonellen Austauschs ersichtlich von materiellen Umgebungsfaktoren wie Offenheit oder Abgeschlossenheit des Raumes, verschiedenen Störmomenten (Lärm, Unterbrechungen) oder auch von extern auf erlegtem Zeit- und Erfolgsdruck ab.
Der Kommunikationszweck im Sinne einer für die Personengruppe verbindlichen Zielvorgabe wirkt sich relativ und strukturierend auf den Interaktionsverlauf aus, insofern er aufgrund einer impliziten Erfolgs- bzw. Problemorientierung bestimmte Gesprächsfunktionen und Beziehungsformen unterdrückt, andere hingegen fördert. So folgt ein Beratungsgespräch in kleiner Runde ersichtlich anderen Regeln als eine Round-table-Debatte, und diese unterscheidet sich wiederum von einem Brainstorming innerhalb eines Qualitätszirkels oder von einem beiläufigen Small Talk ohne thematisches Zentrum. Es gehört zum impliziten Wissen kompetenter Sprecher, diese Regeln der Gesprächssortenwahl (mehr oder weniger) zu beherrschen und sich in ihrem Kommunikationsverhalten darauf einzustellen.

Hinsichtlich der Größe von kommunikativ zusammengeschlossenen Gruppen unterscheidet die Interaktionsforschung in der Regel drei personale Einheiten: die Dyade, die Kleingruppe und die Organisationen definierte Gruppe.
Dyaden haben als Ausgangspunkt und Medium grundlegender Sozialisations- und Bindungserfahrung (z.B. in der frühkindlichen Phase) einen besonderen Stellenwert, der sie immer wieder zum bevorzugten Gegenstand sozialpsychologischer Forschung gemacht hat.(27) Die Dyade als „Urzelle“ der Sozialität ist unter diesem Aspekt auch immer gegenwärtig und wirksam als ein konstitutiver Erlebenszusammenhang, in dem sich kognitive Strukturen, soziale Bedeutungen sowie Identität und Selbstkonzepte herausbilden (siehe oben).
Selbst in eher rollenförmig verfestigten dyadischen Beziehungen in Alltag und Beruf wirkt die konstitutive, wahrnehmungs- und Persönlichkeit formende Kraft wechselseitiger Zuschreibungen mit allen darin enthaltenen Risiken noch nach. Praktisch erweist sich die Kraft reziproker Personendeutungen auch daran, dass sich beispielsweise bei gegenseitigen Empfindungen der Disharmonie oder Antipathie sehr schnell tiefgreifende Verunsicherungen und Entfremdungsgefühle einstellen können.(28)

Kleingruppen (in Größenordnungen von drei bis zwanzig Mitgliedern) zeichnen sich durch hochgradige Variabilität in ihren Teilbeziehungen aus, da sich alle darin zusammengefassten Personen wechselseitig aufeinander orientieren können müssen. Diese Eigenschaft erklärt die potentiell große Produktivität von Kleingruppen, denn sie können je nach Bedarf arbeitsteilig vorgehen und beliebige Koalitionen bilden. Auf diese Weise können bei koordiniertem Vorgehen einerseits zahlreiche Informationen zusammengetragen, andererseits alternative Lösungsvorschläge erarbeitet und Entscheidungen optimiert werden.


Kleingruppenorganisation birgt aber insofern auch Risiken, als sich in unmoderierten Diskussionen eine störende Dynamik entwickeln und den angestrebten Problemlösungsprozess nachhaltig behindern kann. Störungen können sich dabei auf verschiedene Weise äußern:

  • in divergierenden Handlungsplänen der Teilnehmer sowie in deren unterschiedlichen Themenpräferenzen,

  • in schwierigen Entscheidungssituationen, in denen der Weg zur Problemlösung blockiert sein kann (das Zwölf-Geschworenen-Dilemma),

  • insbesondere aber in konfliktreichen Beziehungskonstellationen, wenn etwa Führungsansprüche umstritten sind oder widersprüchliche Erwartungen hinsichtlich der Rollenverteilung bestehen.

Formale Gruppen in Organisationen sind stärker als die zuvor genannten Typen von vorgegebenen Organisationsstrukturen und daraus sich entwickelnden Formen des Kommunikationsprozesses geprägt. Wie direkt und ausführlich einzelne Organisationsmitglieder miteinander reden, hängt hier wesentlich davon ab, ob mehr in Stäben und Teams kommuniziert wird - und damit unter Umständen eher partizipativ und egalitär - oder ob die Kommunikation „in der Linie“ verläuft, d.h. sich vorwiegend auszeichnet durch vertikale Verläufe wie oben nach unten (als Weisungsgebung) oder von unten nach oben (als Vollzugsmeldung oder Anfrage). Wie gut Entscheidungen der Leitungsebene nachvollzogen werden können und wie groß die Einsicht in die organisationalen Handlungszusammenhänge auf Seiten des einzelnen Mitglieds sind, bestimmt sich bei linienförmiger Kommunikation vor allem danach, wie viele Hierarchieebenen durchlaufen werden müssen (wie groß also die Kontrollspanne ist), wie ausführlich informiert oder nachgefragt wird und ob es darüber hinaus Gelegenheit zur Verständigung in face-to-face-Kontakten gibt.
Formale Organisationsstrukturen bilden, eben weil sie normativformal sind, häufig den Grund zur Ausbildunig eines Parallelsystems der Kommunikation, in dem quasi kompensatorisch beiläufige und affektiv geladene Gesprächsformen auftreten. In der harmlosen Form erscheinen sie als bindungsfördernder Gelegenheitsplausch oder Pausenklatsch; folgenschwerer hingegen können sie sich auswirken, wenn sie die Kraft und Beharrlichkeit eines Gerüchts bzw. von Flüsterpropaganda annehmen und dergestalt in Konkurrenz zum formalen Kommuni-kationssystem treten und dieses möglicherweise delegitimieren.
Um dieses zu vermeiden, aber auch, um dem Bedürfnis sozialer Gruppen wie einzelner Personen nach Intimität, nach Wir-Gefühl- Stärkung und emotionaler Ansprache im Organisationsrahmen gerecht zu werden, können Rituale entwickelt und fest institutionalisiert werden. So bieten Jubiläen, Feste, Personaleintritte und -Verabschiedungen geeignete Anlässe, in zeremonieller Kommunikation n zu bekräftigen, zu intensivieren und zu befestigen.

 

 

7.   Zusammenfassung

Die Omnipräsenz der Massenkommunikation hat die Bedeutung interpersoneller Kommunikation eher noch erhöht. Face-to-Face- Kommunikation bildet eine wichtige Plattform für die menschliche Verhaltenskoordinierung. Aber sie ist gebunden an spezifische Voraussetzungen: Gruppengröße, gegenseitige Wahrnehmbarkeit, Möglichkeit der Rückkopplung und gemeinsames Sprachverständnis. Erst die wechselseitige Wahrnehmung ermöglicht den Beziehungsaufbau und schafft die Basis für eine ganzheitliche Personenerfahrung. Durch die wechselseitige Beeinflussung und das Feedbackverhalten entsteht jenes Zusammenspiel von äußerer Zuwendung und innerem Verstehen, das einen Verständigungsprozess in Gang setzt.

Voraussetzung für diese Verständigung ist eine gemeinsame Sprache, ein gemeinsamer Zeichenvorrat. Auch Fachsprachen und Spezialcodes dienen der Verständigung, sofern ihre Bedeutungen von allen Beteiligten geteilt werden. Sie haben zudem die Funktion, Vertrautheit und Wir-Gefühl zu vermitteln.
Interpersonelle Kommunikation stellt einen einzigartigen Kontext der Sozial- und Selbsterfahrung dar, die in der Unmittelbarkeit der gegenseitigen Wahrnehmung und in der wechselseitigen Verhaltenskontrolle begründet liegt. Interpersonelle Kommunikation begründet Soziabilität, erschließt die Wirklichkeit und befördert das innere Erleben. Gleichzeitig realisieren wir in der personalen Kommunikation die Bedürfnisse nach Anerkennung, Zugehörigkeit und Selbstöffnung.
Die personale Kommunikation bewegt sich im Spannungsverhältnis von Konsensorientierung und Eigennutzverfolgung, ihre Basis ist das gegenseitige Vertrauen, das in jedem Akt der Kommunikation hergestellt wird. Dieses Vertrauen wird unterminiert, wenn die Balance von Eigeninteressen und dem Interesse des Anderen empfindlich gestört wird. Das gilt auch für die professionelle Öffentlichkeitsarbeit, die ihre Interessen zusammen mit Vertrauensbildung kommunizieren muss.
Im wechselseitigen Austausch von Eigen- und Fremdperspektiven bildet sich die personale Identität, die sich im Selbst-Konzept ausdrückt.
Die Grundfunktionen der interpersonellen Kommunikation kommen jedoch unter unterschiedlichen Kommunikations-bedingungen verschieden stark zum Ausdruck. Kommunikationszweck, Gruppengröße und Situationsrahmen kennzeichnen die wichtigsten Einflußgrößen der Kommunikation.

 

 

Anmerkungen

  1. Die Definition geht sinngemäß zurück auf Bemard Berelson und Gary Steiner. Human Behavior, New York 1964, S.125. Vgl. auch die Ausführungen zum Interaktionsbegriff bei E. Goffmann in Kap. 9.6

  2. Berelson/Steiner, a.a.O. und Fischer, Aubrey: Small Group Decisi- on Ma-king: Communicatuion and the Group Process, New York 1974

  3. Vgl. dazu Kapitel 9.1

  4. Beziehungsdynamik ist das (unvermeidliche) Ergebnis eines Zusammenspiels der in allen Interaktionsbeteiligten wirkenden unbewussten (affektiven) Antriebs- bzw. Verhaltenskomponenten, die zu einer für jedes Personensystem spezifischen psychischen Spannung, Konflikt- oder Harmonielage führen kann.

  5. Dazu im Einzelnen: Brooks, William u. Emmert, Phillip, Interpersonal Communication, Dubuque 1980, S.188ff.

  6. Vgl. dazu auch die Kritik am linearen Kommunikationsmodell von Shannon/Weaver in Kap. 4.

  7. Nähere Ausführungen zu dieser Unterscheidung finden Sie in Kap. 8.4 über die Theorie des kommunikativen Handelns von Habermas.

  8. Paraverbal heißt: durch die Art der Stimmführung ausgedrückt, beispielsweise durch Betonung oder Lautstärke (siehe Kap. 9.1.1).

  9. Zum Aspekt der Inkongruenz, Paradoxie und des „double bind“ vgl. Kap.9.3 zum Thema Kommunikationsstörungen.

  10. Vgl. die Ausführungen und Beispiele zur Zeichentheorie in Kap. 3.

  11. Lagerdenken entwickelt sich vor allem unter Umständen verstärkten Außendrucks, der häufig mit Techniken einer gesteigerten Innenkohäsion, d.h. mit Selbstbehauptung und Selbstimmunisierung beantwortet wird. Sekten, politische Gruppen, aber auch Cliquen und Wohngemeinschaften zeigen ein solches Verhalten.

  12. Obwohl in speziellen Berufsgruppen und Fachsprachen (wie etwa bei Brokern) auch streng konventionalisierte Zeicheninventare Vorkommen, wobei jedoch hier schon das Feld der speziellen Zeichensysteme beschritten wird, die nicht mehr allein durch interpersonelle „Abmachungen“ festgelegt werden.

  13. Vgl. Kap. 9.5 zu Körperorientierung und Distanzverhalten

  14. Abraham Maslow rechnet in seinem klassischen Werk „Motivation and Personality*, New York 1954, S.80ff. zu den sozialen Bedürfnissen Liebe und Zugehörigkeitsverlangen.

  15. William G Schulz: The Interpersonal Underworld, Palo Alto 1966, S.18-25

  16. Der englische Ausdruck ‘affection’ bezeichnet das Gemeinte etwas besser.

  17. Zu den zuletzt genannten Aspekten siehe auch Kap. 8.5 zur Kommunikationspsychologie (bes. 8.5.2)

  18. Vgl. Brooks/Emmert, a.a.O., S. 215f.

  19. Die dann vorliegen, wenn eine Person unbewusst triebbesetzte Vorstellungen oder Eigenschaften früher erlebter Personen auf den gegenwärtigen Gesprächspartner überträgt, ohne dass diese Eigenschaften wirklich bei diesem gegeben sein müssen.

  20. Hier sei nur auf die Theorie des Symbolischen Interaktionismus und die allgemeine Interaktionstheorie (in Kap. 8.2) verwiesen, auf die psychodynamisch orientierte Kommunikationsanalyse (vgl. Kap. 8.5) sowie auf entwicklungspsychologische Untersuchungen (vgl. Kapitel 6)

  21. Siehe dazu auch Kap. 6

  22. Vgl. dazu unter dem Aspekt der gesellschaftlichen Konstitution Kap. 8.2

  23. Zum Prozess der Etikettierung vgl. Kap. 5.8.2.4

  24. Vgl. Brooks/Emmert, a.a.O., S. 68f.

  25. Ebda.

  26. Der Begriff ‘Konstellation’ umfasst die determinierenden Kontextfaktoren der Kommunikationssituation.

  27. So befassen sich die Entwicklungspsychologie, Interaktionsforschung sowie Kommunikationstheorie und Psychoanalyse mit der Dyade als kleinster sinnstiftender sozialer Einheit.

  28. Die Interaktionsforschung zeigt, dass schon einfache „Verweigerungen“ in dyadischer Interaktion, derart dass eine Person die andere nicht verstehen will oder sich auffällig desinteressiert zeigt, zu schwerwiegenden Irritationen führen können.

 

 

 

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© André Lundt