Teil  8      Kommunikationsstörungen

 

Die Fähigkeit, im Alltag zu kommunizieren und soziale Beziehun­gen zu gestalten, wird gemeinhin als selbstverständlich hingenommen. Irritationen wie Missverständnisse, Aneinander-Vorbeireden oder lückenhaftes Verstehen werden zwar bemerkt, jedoch im allgemeinen nicht als Symptome eines im Grunde labilen und riskanten Verfahrens gedeutet. Dies mag an mangelnder Sensibilität für die vielfältigen, durchaus subtilen Formen der Kommunikationsstörung liegen, aber auch an unserer ebenfalls hoch entwickelten Fähigkeit, Brüche oder Widerstände beim Kommunizieren stillschweigend zu übergehen bzw. zu reparieren. Nicht verstandene Wörter etwa werden im Sinne eines Lückentests einfach „aufgefüllt", unverstandene Versatzstücke von Information für unwichtig erklärt oder Phänomene des gegenseitigen Missverstehens durch Überspielen gelindert. Und dennoch bleibt Kommunikation auch weiterhin ein problematisches Verfahren, des­sen Erfolg nie selbstverständlich vorausgesetzt werden kann - unab­hängig davon, dass es für das Gelingen von Kommunikation keinen objektiven Maßstab gibt.

 

 

8.1 Störungsformen

 

Nach einer Typologie von Jürgen Ruesch kommen Kommunikationsstörungen auf drei Ebenen vor:

a) auf einer technischen Ebene, womit er sich auf apparative und
    physikalische Aspekte der Kommunikation bezieht;

b) auf einer semantischen Ebene, auf der die Genauigkeit der
     Sym­bolwahl und Botschaften angesprochen ist;

c) auf einer Interaktionsebene, auf der die Wirkungen von Sprech­
     handlungen auf den/die Adressaten den Wirkungsabsichten
     widersprechen können.(l)

 

Hinsichtlich (c) wäre im Einzelfall jedoch genauer darauf einzugehen, ob die Störung eher sprecher- oder hörerseitig bzw. durch das wechselseitig hergestellte Verhaltenssystem verursacht wurde.

Störungen der ersten und zweiten Kategorie sind in der Regel schneller identifizierbar und häufig auch weniger problematisch als jene der dritten Ebene(2), die im Folgenden gerade deshalb bevorzugt berücksichtigt werden soll, weil sie im Rahmen von Moderationspro­zessen wie auch im Falle von erfolgsorientierter interpersoneller Kommunikation besondere Anforderungen an das Prozessverstehen und seine Steuerung erfordert.(3)

Technische Kommunikationsstörungen sind recht gut anhand der Kom­ponenten des (allerdings stark vereinfachten) Informationsübertragungsmodells von Shannon & Weaver (vgl. auch Kap. 7.) darzustellen:

 

 

 

Kommunikationsmodell nach Shannon/  Weaver

 

 

So kann der „Sender" (hier: Informationsquelle) die Botschaft falsch bzw. unvollständig auswählen oder technisch gestört sein; das physikalische Signal oder der Kanal können ihrerseits Störeinflüssen unterliegen (zu geringe Lautstärke, Verzerrungen etc.), und schließlich können auch Defekte beim Empfänger auftreten, wobei hier Prozes­se der sinnhaften Kodierung und Interpretation noch nicht berück­sichtigt sind.

Semantische oder syntaktische Störungen der Kommunikation sind dann gegeben, wenn

  • einzelne Symbole, Nachrichteninhalte oder auch das Symbol­ bzw. Sprachsystem als Ganzes (Code) nicht verstanden werden

  • die Verknüpfung der Zeichenkette oder der Satzteile (Mor­phologie und Grammatik) nicht entschlüsselt werden kann (z.B. bei Auslassungen oder logisch falschen Konstruktionen).


'Übergangsphänomene von Störungen liegen dann vor, wenn das Verstehen von Äußerungen nicht allein auf semantisch-syntaktischen Divergenzen beruht, sondern auf unterschiedlichen sozialkulturellen Repertoires. Derartige Inkongruenzen liegen beispielsweise im Fall von ungleichen Wissensbeständen, Sprachverwendungsmöglichkeiten (differenziertes Argumentieren, reflexive Begriffsarbeit = Erarbeiten von Sprach-Denk-Zusammenhängen) oder bei unterschiedlichen Ver­stehens- und Interpretationskompetenzen vor.(4)

 

 

8.1.1 Störungen auf der Interaktions- und Verhaltensebene

 

Bei Kommunikationsstörungen auf der Ebene der Interaktionsb­eziehung kann die bestehende Verständigungsschwierigkeit nicht ein­fach mit Fehlverwendungen des Sprachsystems oder mangelhafter Übertragungsqualität begründet und daraufhin aufgehoben werden. Vielmehr liegen diesen Störungen problematische Beziehungstrukturen gesellschaftlicher Art oder persönliche psychische Spannungen. zugrunde. Im einen wie im anderen Fall sind unter anderen die bereits erwähnten Beschreibungs- und Diagnosekategorien der Palo Alto-Gruppe (Watzlawick u.a.) und Schulz von Thuns (Kap. 8.4) geeignet, die hier wirkenden Störungsmuster einsichtig zu machen.

 

Zahlreiche Kommunikationsprobleme haben ihre Ursache in einer gestörten bzw. nicht ausbalancierten Beziehungsstruktur der Gesprächspartner, die sich in spezifischen Formen der Symmetrie und Asymmetrie(5) ausdrückt. Dabei ist Symmetrie keineswegs mit „störungs­freier Kommunikation" gleichzusetzen, denn auch oder gerade der Kampf um die Aufrechterhaltung des symmetrischen Verhältnisses kann zu Kommunikationsschwierigkeiten im Verlauf der antagonisti­schen Beziehungsdefinition führen. Typische Symmetriekonflikte finden wir einerseits zwischen Personen, die - bei gleichem formalen Rang (Status) - um Positionsvorteile streiten, um ihre Gleichstellung zu demonstrie­ren oder aber ein „mehr an Gleichheit" anstreben. In der Praxis schlägt sich ein derartiger Konflikt häufig in gesprächsbehindernder Rechtha­berei oder einer Infragestellung (bzw. Entwertung) des Partners nie­der.

Sichtbare Symptome sind beispielsweise „Beweisführungen" darü­ber, dass man etwas „ganz anders gemacht hätte", eine Entscheidung nicht akzeptiert oder aber einen Initiativvorschlag selbst schon und eventuell viel früher" vorgetragen hat. Labile Symmetrie verrät sich daher an Eskalationsverläufen mit Konkurrenzverhalten oder auch an Spaltungen (Schis­men), die Folge einer konsequenten Partnerablehnung sein können.(6)

Ein verwandtes Störungsmuster finden wir hingegen bei komple­mentären Beziehungs-verhältnissen, in denen die Beteiligten um die Auf­rechterhaltung oder auch Vermeidung einer bestimmten Ergänzungs­rolle in Bezug auf den anderen kämpfen. Klassische komplementäre Verhältnisse bestehen in Beziehungen zwischen Eltern und Kind, Chef und Mitarbeiter oder dominanten und unterwürfigen Personen. Ungestört können solche Beziehungen immer dann verlaufen, wenn die Beteiligten die gegenseitige Beziehungsdefinition ohne Nachteils­empfinden akzeptieren können, wenn also eine funktionale „Arbeits- und Verhaltensteilung zwischen Weisen und Befolgen oder Vorschla­gen/Entscheiden und Akzeptieren besteht. Störungen in komple­mentären Beziehungen treten jedoch dann auf, wenn die Primärposi­tion einer Person und damit die Führungsrolle zeitweise oder auch grundsätzlich von einer anderen Person in Frage gestellt wird. Dies kann etwa in Form einer offenen Zurückweisung geschehen (wenn ein Schüler eine Lehreranweisung nicht anerkennt) - wobei dann eher von einem echten Konflikt gesprochen werden kann(7) - oder aber in der Form eines Ausweichverhaltens. In vielen komplementären Kommu­nikationsbeziehungen innerhalb der Arbeitswelt schlagen sich Störun­gen deshalb in Vemeidungs- oder in (verdecktem) Widerstandsverhalten nieder. So kommt es zur schweigenden Duldung des Untergebenen auch bei Erteilung von „unsinnigen“ Weisungen oder aber zu Reaktan­zen in Form unzuverlässiger Weisungsbefolgung, übler Nachrede oder Revanche - etwa durch subtile Techniken des Missverstehens, Überhörens oder derglei­chen.

 

Komplementäre Beziehungen sind gerade im Berufsleben auf­grund der allgemeinen Nichtakzeptanz von Unterwerfung risikoreich. Vorgesetzte machen sich daher einige gängige Techniken zunutze, die geeignet erscheinen, die Härte ungleicher Positionen nach außen hin abzumildern. Sie greifen beispielsweise zu sogenannten reversiblen Äußerungen(8) d.h. zu solchen Ausdrucksformen, die herrschaftsneutral sind oder Symmetrie vortäuschen.(9) Anstatt also (die Machtverhältnis­se aufdeckend) zu sagen: „Kommt gar nicht in Frage, dass Sie heute schon wie­der mal früher den Arbeitsplatz verlassen!" ließe sich formulieren:
Ich habe wirklich Verständnis für ihre dringlichen Angelegenheiten, aber ich denke, sie sehen selbst nur zu gut, dass heute ein denkbar ungünstiger Zeitpunkt ist, um vorzeitig zu gehen.“

Demonstrationsbeispiele wie dieses zeigen allerdings auch: Es sind nicht bestimmte sprachliche Formulierungen, an denen sich eine Störung manifestiert, sondern erst die gesamte Redesituation und die Haltungen der daran Beteiligten können Aufschluss darüber geben, ob eine Störung vorliegt oder nicht. Sprachliche Techniken haben jedoch starken Symptomwert, weil sie auf die Möglichkeit oder Wahrscheinlich­keit einer Störung hinweisen.(10)

 

 

8.1.2 Störungen durch Verschiebung des Botschaftsaspekts

 

Eine Vielzahl ganz alltäglicher Kommunikationsstörungen von häufig beiläufigem Charakter treten zutage, wenn - wie kurz schon im Aufsatz zur Kommunikationspsychologie (6.2) dargelegt - die unterschiedlichen Aspekte einer Nachricht auf signifikante, d.h. für die Beziehung charakteristische Weise ver­schoben werden.

Dazu einige veranschaulichende Beispiele dafür, wie der eigentlich im Vordergrund stehende Aspekt durch einen „Stellvertreter" ersetzt wird.

„ Sag mal, hast Du das Zimmer schon aufgeräumt? " (Der gemeinte Appell wird durch die sachorientierte Frage ersetzt);

Kind zu den Eltern: „Mensch ist mir langweilig" (Appell, etwas mit dem Kind zu tun, wird durch Selbstkundgabe ausgedrückt);

„Na das hast Du ja wieder einmal prima hingekriegt!" (Beziehungsaspekt steht im Vordergrund, doch wird die Sachformulierung gewählt;

„Ich weiß nicht recht - ich glaub nicht, dass ich das hinbekomme" (Selbst­kundgabe steht im Vordergrund, während Appell gemeint ist);

„Mensch, unternimm doch was, und häng' hier nicht so rum!"' (Appelldominanz bei gemeinter Selbstkundgabe).

 

Nun ist es wenig sinnvoll, allein schon bei einer situativ bedingten Aspektverschiebung von 'Störung' zu reden, denn hierbei handelt es sich ja im Grunde genommen um eine konventionelle Äußerung zwei­ten Grades. Das heißt: Auch wenn das direkt Gemeinte nicht auf klare und unverschobene Weise ausgedrückt wurde, so kann doch jeder kompetente Interaktionsteilnehmer erkennen, was hinter der Äußerungsoberfläche steht, denn es handelt sich hier um eine kulturell ein­gespielte Technik der tentativen(11) Beziehungsdefinition. Auf sie wird zurück­gegriffen, um eine direkte Konfrontation im Ausdruck zu vermeiden (Beschwichtigung) oder um sich einen Rückweg offen zu halten für den Fall, dass die gewählte Äußerungsform nicht akzeptiert wird (denkbare Ausflucht: „Nein, nein! So wie Du das jetzt verstanden hast, hab ich das nicht gemeint".)

Von gestörter Kommunikation kann jedoch dann gesprochen wer­den, wenn sich ein beziehungstypisches Ausdrucksmuster in die inter­personelle Kommunikation „eingeschlichen" hat, über das die Aktan-ten nicht mehr frei verfügen können, weil es in ihrer Beziehung bestimmte „blinde Flecken" gibt, also Bereiche des Ausdrucks, die unbewusst zum Tabu geworden sind. So können wir uns eine Paarbezie­hung vorstellen, in der ein Partner eine überstarke „Appellallergie"(12) entwickelt hat, weil ihn eventuell schon seine Eltern ständig ermahn­ten, also Appelle an ihn richteten. Die aktuelle Beziehung ist unter die­sen Bedingungen vorbelastet, und ein heute vielleicht mehrfach geäußerter Appell kann dann zu unerwünschten Reaktionen (wie auf­brausendes Zurückweisen) oder zu einer übertriebenen Selbstanklage des Angesprochenen führen. Was sich hier abspielt, ist also ein typi­sches Projektionsverhalten, indem Gefühle und Ängste aus einer frühe­ren „gestörten" Situation unreflektiert auf das heutige Ereignis über­tragen werden. Ein entsprechender Prozess spielt sich beispielsweise auch ab, wenn ein Sprecher geradezu zwanghaft alle Redeinhalte auf sich bezieht, wenn er also mit seiner Tendenz zu einer überbetonten Selbstkundgabe eine störende Egozentrik an den Tag legt.

Watzlawick u.a. sprechen hier zu recht von einem Störungssymptom, denn der strittige Ausdruck, der Widerstand oder Aufruhr hervorruft, ist nicht selbst an sich der Auslöser des Konflikts, sondern dieser besteht vielmehr in der projizierten Beziehungsdefinition oder -erinnerung, die dahinter steht, deren sich aber ein Sprecher nicht, oder doch nicht ohne Aufdeckung erinnert. Deshalb können Watzlawick u.a.(in bezug auf klinische Gespräche im Rahmen von Psychotherapien) sagen:

Die verhaltensmäßige Bedeutung eines Symptoms ist also die, dass es andere in einer Weise beeinflusst, die es dem Patienten ermöglicht, sich von der Verantwortung für diese Beeinflussung freizusprechen." Mit anderen Worten: Die „Störung" kann nicht einfach wie ein Missverständnis oder ein Übertragungsfehler beseitigt, sondern sie muss bearbeitet oder metakom­munikativ gedeutet werden, um ihr Störpotential zu verlieren.

 

 

8.1.3 „Kreislaufstörungen"

 

Immer wieder begehen miteinander vertraute Gesprächspartner den (beiderseitigen) Fehler, ihre eigenen Äußerungen (B) als Folge einer auslösenden Partneräußerung (A) zu verstehen, wobei sie über­sehen, dass eben diese Partneräußerung, auf die sie reagieren, auch nur eine Reaktion auf die wiederum vorausgegangene Äußerung (B') dar­stellt.(13) Aus dem Gesamtmuster der Gesprächssequenz mit den Beiträ­gen

A1—>B1— >A2— >B2— >Ä3— >B3— >A4— >B4

sieht jeder Spre­cher vorzugsweise seine eigenen Beiträge A1-4 oder B1-4 als logische Gesamtheit und damit als Bekräftigung einer personenzentrierten Position. Was aber bei dieser Betrachtung außer Acht bleibt, ist die Tatsache, dass wir es mit einem zirkulären Prozeß zu tun haben, in dem jede Person mit ihrer Äußerung einen neuen Reiz setzt, der vom Hörer anders interpretiert wird, als vom Sprecher selbst. Diese Situa­tion kann karikaturenhafte Formen annehmen wie im folgenden Bei­spiel, wo A 'nur' sein/ihr berechtigtes Interesse zum Ausdruck brin­gen will und B als abweisend erlebt, während B 'nur' maulfaul ist und diesen Zustand respektiert sehen möchte, ohne die Provokation für A darin zu erkennen:

A:Und was hast Du gestern Abend gemacht? B: Nichts Besonderes! A: Na erzähl' doch mal! B: Was soll schon gewesen sein!

A: Mein Gott, nun lass Dir doch nicht jedes Wort einzeln aus der Nase zie­hen! B: Sag mal, musst Du mich eigentlich ständig mit der blöden Fragerei ner­ven?

 

Störungen dieses Musters können sich sehr hartnäckig halten. Eine Methode der Vermeidung kann darin bestehen, zum einen eine befrie­digende Antwort zu geben und dann klarzustellen, warum man gera­de keine Lust hat weiterzusprechen.

 

 

8.2 Charakterrolle und Gesprächsverhalten

 

Der amerikanische Psychiater Eric Berne(14) hat darauf hingewiesen, dass in jedem von uns drei verschiedene Persönlichkeitsinstanzen wohnen, die in bestimmten Situationen und auf je verschiedene Weise zur Geltung kommen können, und er nannte diese Instanzen 
l. das Eltern-Ich, 2. das Kindheits-Ich und 3. das Erwachsenen-Ich.

 

Das Eltern-Ich in uns drückt sich in zwei unterschiedlichen Äußerungsweisen aus: in einer kritisch-moralisierenden und in einer für­sorglichen Haltung, wobei diese innere Einstellung jedoch generali­siert werden kann, sich also nicht mehr nur auf das Eltern-Kind-Ver­hältnis bezieht. Eine typische Äußerung aus der kritischen Position her­aus wäre z.B.: „Herr Kokigei, ich erwarte aber nach der gestrigen Mahnung nun wirklich ein pünktlicheres Erscheinen." Das fürsorgliche Eltern-Ich könn­te hingegen in der Bemerkung bestehen: „Herr Rudnick, Sie seh'n ja sehr mitgenommen aus! Na dann gehen Sie doch heute mal früher nach Hause."

 

Das Kindheits-Ich enthält seinerseits drei Aspekte: das spontane Kindheits-Ich ist unbefangen-natürlich; das angepasste Kindheits-Ich ist gehorsam und angepasst; das trotzige ist schließlich rebellisch. Dementsprechend sind auch hier drei Äußerungsformen zu unter­scheiden, z.B.: „Mensch, das sieht ja gut aus! Lass mich mal probieren!" (Spontaneität, Unbefangenheit); „Oh je, mir ist was Blödes passiert" oder „Ja gut, ich mache das dann beim nächsten Mal besser" (Anpassung); „Soll'n die doch seh'n, wie die ohne mich zurechtkommen!" (Trotz).

 

Das Erwachsenen-Ich bildet schließlich die rationale Instanz in uns; es ist daher a) sachlich-analysierend, b) kritisch, realistisch und vernunftbetont und c)
sozialorientiert bis partnerschaftlich. Typische Äußerungen des Erwachsenen-Ichs sind:

Bevor wir über den Kauf entscheiden, müssen wir noch Informationen einziehen" (sachlich-informierend);

Wann kam ich denn nun mit der Abgabe der Arbeit rechnen?" (Kritisch, ermahnend);

Wenn es Ihnen zu viel wird, dann lassen Sie den Brief eben bis morgen liegen!" (partnerschaftlich-fürsorglich).

 

Auch wenn einige Personen vor allem eine Instanz dominant nach außen kehren, so sind doch in jedem von uns alle Instanzen angelegt und kommen - in je individueller Weise - in verschiedenen Situationen unterschiedlich zum Ausdruck Während in vielen Fällen der jeweils angeschlagene „Ton" der Situation und dem Partnerverhalten gerecht werden kann und wird - etwa eine mahnende Antwort auf eine trot­zige Bemerkung -, so bleiben doch genügend Möglichkeiten, eine Gesprächsbeziehung durch ein falsche Beziehungsdefinition und eine dementsprechend falsche Form der Ansprache zu stören. Andauern­der Trotz in Team- gesprächen wird schnell ein kooperatives Bemühen unterlaufen; vorschnelle Anpassung und/oder Unterwürfigkeit kön­nen partnerschaftliches Problemlösen verunmöglichen oder das Selbstwertgefühl beschädigen, und eine Überbetonung des kritischen und kontrollierenden Verhaltens kann langfristig die zwischenmensch­lichen Beziehungen 'einfrieren' lassen.

 

Auch im Falle der Anpassung des eigenen Verhaltens an die situa­tiven Erfordernisse, d.h. bei der sorgfältigen Abstimmung der Cha­rakterrolle mit den gegebenen Partnereinstellungen und -erwartungen müssen Fehlorientierungen oder Verkennungen nicht gleich erhebli­che Störungen nach sich ziehen. Ausschlaggebend für die Empfindung eines nachhaltigen Störbetrags ist auch hier, ob die Beteiligten über hinrei­chende Möglichkeiten der Situationsaussteuerung (z.B. Einlenken, Vermitteln) verfügen und ob und inwieweit sich bestimmte disfunktionale Muster der Interaktion „einschleifen" und so die Kommunikation nachhaltig behindern.

 

 

8.3  Pathogene Störungen der Kommunikation: Paradoxien

 

Vor allem amerikanische Psychoanalytiker wie Watzlawick und Jackson, aber auch Gregory Bateson, Ronald Laing und viele andere haben versucht, das kommunikative Verhalten in seiner Beziehung zu tiefgreifenden psychischen Störungen zu untersuchen. Sehr pointiert kann man ihren analytischen Ansatz in der These zusammenfassen: Wenn Menschen mithilfe der Sprache in Interaktion miteinander ihre jewei­ligen Realitäten konstruieren(15) und sich im Prozeß dieser (inter)subjektiven "Wirklichkeitskonstruktion durch wechselseitige Rollenzuwei­sung zugleich Identität verleihen, dann können schwerwiegende Kom­munikationsfehler auch gravierende Störungen der Selbst- und Fremdkonzepte sowie der sozialen Wirklichkeit hervorrufen. Was dar­unter zu verstehen ist, zeigt das Beispiel der pragmatischen Paradoxien. Voraussetzungen für das Vorhandensein einer solchen Paradoxiesind erstens eine „bindende komplementäre Beziehung", zweitens, dass eine 'falsche' Alternative vorliegt, aus der nicht oder nur falsch gewählt werden kann, und drittens, dass keine Möglichkeit einer „Aus­flucht" durch Metakommunikation besteht.(16)

Die wohl bekannteste Form einer Verhaltenspardoxie besteht in der sogenannten „Doppelbindung" (double-bind)(17): Kennzeichnend für eine double-bind- Situation ist, dass in ihr etwas (direkt) ausgesagt wird und zugleich etwas über diese Aussage ausgesagt wird, das ihr im Inhalt widerspricht.(18) So kann beispielsweise ein Vater seine Tochter mit stra­fendem Ton einschüchtern und gleich darauf sagen: „das war ja bloß spaßhaft gemeint". Paradoxien dieser Art entstehen häufig aus inkon­gruenter Kommunikation,(19) also in Fällen, in denen das Minenspiel oder die Gestik etwas anderes ausrücken als die begleitenden Wörter. Das klassische Beispiel hierfür: Eine Mutter sagt ihrem Kind, wie sehr sie es liebt, drückt aber durch eine frostige, d.h. emotional wider­sprüchliche Geste aus, dass diese Zuneigung nicht echt empfunden ist. Untersuchungen der klinischen Psychologie haben gezeigt, dass fort­dauernd paradoxe Kommunikationen im Extremfall zu schweren psy­chischen Störungen bis hin zur Schizophrenie führen können.

Eine ähnliche Form widersprüchlicher Kommunikation finden wir in den sogenannten "Sei-spontan-Aufforderungen", deren Kennzeichen ist, dass mit ihnen ein Verhalten verlangt, aber gleichzeitig unmöglich gemacht wird - wie diese Beispiele zeigen:

Es sollte Dir Vergnügen machen, mit den Kindern zu spielen - wie anderen Vätern auch!" (nach Watzlawick)

Zitat aus einem Beziehungsratgeber: „Das Finden reifen Genusses in tiefen Beziehungen ist das Ergebnis sorgfältiger Planung..."(20) (da möchte man nicht Zeuge sein!, A.L.)

 

Psychotherapeuten haben in diesem Zusammenhang darauf hinge­wiesen, dass paradoxe Aufforderungen auch als Lösungsmuster bei Bezie­hungsstörungen angewandt werden können. So entstehen Kommuni­kationsprobleme gelegentlich durch ein perfektioniertes (komple­mentäres) Zusammenspiel von Partnern, in dem jeder (unbewusst) eine feste Rolle übernimmt, so dass streng vorhersagbare Reaktionen eintreten. Fordert etwa ein Mann seinen Freund immer wieder dazu auf, etwas mutiger, risikobereiter oder entscheidungsfreudiger (viel­leicht wie der Ratgeber selbst) zu sein, so wird dieser, wenn er eine vorsichtige Natur hat, wahrscheinlich notorisch zurückschrecken. Schließlich ist der andere ja schon mutig, weshalb es naheliegend scheint, den ausgleichenden Part des Zögerers und des Bedächtigen zu übernehmen. Kommt nun aber der 'aktive' Partner einmal auf die Idee, entgegen der sonstigen Praxis zu sagen: „Ach, an Deiner Stelle wäre ich lieber vorsichtig und würde nichts riskieren", so wird sein Gegenüber frei, anders zu reagieren, weil seine Rolle nun neu definiert ist und eine andere Situations- und Selbstdefinition ermöglicht.

Gerade in eingespielten Interpunktionsfolgen (siehe die Ausführungen in Kommunikations-psychologie, 7.1 zum dritten Axiom) ist ein derartiges verstärkendes Rollenverhalten häufig anzutreffen, so dass es gegebenenfalls ratsam erscheint, das Muster „mehr desselben" (also die eingespielte Bestätigung) abzulösen durch eine paradoxe Interven­tion in der dargestellten Weise und damit das neuen Muster „weniger desselben" einzuführen.(21)

 

 

 

Anmerkungen

 

1)  Vgl. Ruesch, Jürgen, Werte, Kommunikation und Kultur. In: Kom­munikation. Die soziale Matrix der Psychiatrie, Heidelberg 1995, S. 31

2)  Mit der Einschränkung, dass natürlich physikalische Störungen wie z.B. Kanalausfälle bei einem massenkommunikativen Ereignis auch von großer Tragweite sein können

3)  Siehe dazu das kommunikationspsychologische Kap. 8.4. sowie Kap. 9.2

4)  Häufig treten Störungen dieser Art dann auf, wenn ein Sprecher über ein weiteres (theoretisches) Hintergrundwissen verfügt als sein Partner und aufgrund dieses Wissens zu anderen Begründun­gen und Handlungskonsequenzen gelangt, beispielsweise bei Dis­kussionen um Straffälligkeit oder um Formen politischer Herr­schaft. Letztlich sind hier Elemente der kommunikativen Hand­lungskompetenz im Sinne von Habermas (vgl. Kap. 8.3) berührt.

5)  Vgl. dazu Kap. 8.4.1

6)  Watzlawick, Paul/Beavin, Janet HL/Jackson, Don J., Menschliche Kommunikation, Bern/Stuttgart/Wien 1974, S. 104

7)  Vgl Kap. 9.5. Wobei darauf zu verweisen ist, dass trotz gewisser Überschneidungen zwischen Konflikten und Störungen hier zwei verschiedene Phänomene vorliegen. Der Konflikt zeichnet sich im wesentlichen durch einen den Sprechern bewussten Gegensatz aus, den die Konfliktparteien miteinander interessengeleitet austragen; die Störung dagegen ist den Betroffenen - in ihren wirklichen Ursa­chen - weniger oder auch gar nicht bewußt. Sie kann deshalb lang­fristig untergründig weiterwirken, ohne dass den Beteiligten die Art ihres Gegensatzes und dessen Dynamik klar wird.

8)  Ausführlicher dazu: Vollmer, Günter/Hoberg, Gerrit, Kommuni­kation. Sich besser verständigen - sich besser verstehen, Stuttgart 1994, S. l ff.

9)  In der Kommunikationspsychologie wird in solchen Fällen von metakomplementären Verhältnissen gesprochen. Sie bestehen dann, wenn die in einer komplementären Beziehung dominante Person vorübergehend auf die Einnahme der Primärposition ver­zichtet, um mehr Gleichheit „zuzulassen".

10)  Ein solches Symptom stellen auch Appellformulierungen dar: Ver­meidet ein Sprecher in einer konkreten Beziehung nahezu jeden direkten Appell, so ist hier ein gestörtes Verhältnis in Form einer Appellüberempfindlichkeit zu vermuten (Vgl. Kap. 8.4.2.5)

11) Tentativ = Versuchsweise

12) Schulz von Thun, Miteinander reden Bad. l, a.a.O., S. 214

13) Siehe auch schon Kap. 8.4.1

14) Berne, Eric, Spiele der Erwachsenen, Reinbek 1967. Mit diesem Buchbeitrag begründete Beme die sogenannte Transaktionale Analyse (TA), die eine kommunikative Beziehung als eine Kette wechselseitiger Transaktionen (zwischenmenschlicher Verhaltens­züge) beschreibt. Dazu auch Birkenbihl, Vera, Kommunikationstraining, 15. Aufl. Landsberg Lech 1994, S. 91 - 127

15) Vgl. auch den entsprechenden Abschnitt im Konstruktivismus-Kapitel 8.5

16) Watzlawicku.a., a.a.O., S. 179 „

17)  Nach Bateson, G/Jackson, H/Weakland, J. H, Towards a Theory of Schizophrenia. In: Behavioral Science l (1956), S. 251; vgl. Auch Bateson, G, Ökologie des Geistes, Frankfurt 1985, S.353

18)  Verschiedene Beispiele bei Watzlawick u.a., a.a.O., S. 194-203

19)  V;;l. dazu Kap. 8.4.2.1

20)  Nach Watzlawick.P./WealdandJ.H./Fish.R., Lösungen. Zur Theo­rie und Praxis menschlichen Wandels, Bern u.a. 1974, S. 90; wozu man nur wünschen kann: Viel Glück in einer erfüllten Ehe!

21) Watzlawick/Weakland/Fish, a.a.O., S. 51ff.

 

 

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