Teil  11:    Die Bedeutung von Kommunikation in der Systemtheorie

 

 

1.  Varianten der Systemtheorie

 

Von Systemen wird in der (Gesellschafts)philosophie schon seit der Antike gesprochen, doch wurde mit dem traditionellen Systembegriff immer der festgefügte Zusammenhang von Teilen in einem Ganzen - wie in einem Kosmos - gemeint. Ein System wurde demzufolge als eine dauerhafte und wesenhaft bestehende (ontologische) Struktur angesehen, für die es externe Ursachen geben musste und in der alle Teile bestimmten Zwecken des Ganzen dienten.(1)
Seit der Wende zum 20. Jahrhundert wurde das überlieferte Systemverständnis erweitert durch die gestaltpsychologische Annahme(2), das Ganze sei mehr als die Summe seiner Teile. Allerdings wurden auch in der Gestalttheorie die Strukturelemente als das „Beharrliche" verstanden, das den Wechsel überdauert. Insbesondere seit etwa 1950 sind dann zahlreiche Neubestimmungen und Erweiterungen der Systemtheorie geleistet worden, von denen heute im Wesentlichen noch drei Richtungen Aktualität beanspruchen können:

  • die strukturell-funktionale Systemtheorie, für die insbesondere der amerikanische Soziologe und Handlungstheoretiker Talcott Parsons (1902-1979) steht. Ausgangspunkt dieses Ansatzes ist „die Annahme, alle sozialen Systeme notwendig bestimmte Strukturen aufweisen" ,(3) für deren Erhalt sich das System vorwiegend einsetzt. Parsons Theorie betont insofern besonders den Aspekt der Bestandserhaltung und Reproduktionssicherung von Systemen (z.B. Wertsystem, Gemeinschaftssystem u.a.)

  • den funktional-strukturellen Ansatz, dessen Hauptvertreter der Soziologe Niklas Luhmann ist. In dieser Konzeption richtet sich der Blick im Wesentlichen auf die Beziehungen zwischen einem System und seiner Umwelt sowie auf die Ausdifferenzierungsprozesse von Systemen. Im Gegensatz zur Annahme einer Substantialität und Stabilität von Systemen steht in dieser Theorieversion die Funktionsweise eines Systems im Vordergrund: nicht die Funktionen haben sich danach der Struktur zu unterwerfen, sondern umgekehrt die Struktur den Funktionen (4)

  • die Theorie selbstreferentieller Systeme (zu der auch die Kybernetik, also die Theorie der Regelkreise, erheblich beigetragen hat): Für diese spezielle Ausrichtung des funktionalstrukturellen Ansatzes ist ebenfalls Niklas Luhmann als Exponent anzuführen, daneben jedoch auch der chilenischen Physiologe Humberto Maturana oder der aus Österreich stammende Erkenntnistheoretiker Heinz Förster.(5)

Obwohl die neuere Systemtheorie im Wesentlichen auf den Theorieentwurf Talcott Parsons zurückgreift, wird sich der folgende Text auf die Diskussion von Niklas Luhmann beschränken, weil dessen Ansatz in der gegenwärtigen Debatte um die Leistungsfähigkeit der Systemtheorie die größte Beachtung findet.

 

 

1.1   Die Systemtheorie Niklas Luhmanns(6)

 

Luhmanns Systemtheorie, eine nach seinen Worten „besonders eindrucksvolle Supertheorie",(7) gilt zu Recht als schwierig, abstrakt und kontraintuitiv.(8) Um in diesem Zusammenhang das dazugehörige Kommunikationskonzept verständlich zu machen, sind deshalb einige einleitende Erläuterungen notwendig.

Unter einem System versteht Luhmann zunächst ganz allgemein einen eigendynamischen Wirkungsmechanismus mit typenspezifisch zu unterscheidenden Funktionen. Jedes existierende System lässt sich in Form einer beweglichen Struktur von Systemelementen beschreiben, die in Bezug zu einer spezifischen Umwelt stehen und insofern durch ihre je besondere System/Umwelt-Relation gekennzeichnet sind. Anders ausgedrückt: in jedem System wird eine systemspezifische Unterscheidung (=Differenz) gesetzt zwischen dem, was zum System gehört und dem, was das System als Umwelt ausgrenzt. So umfasst beispielsweise ein organisches System bestimmte Elemente wie physische Komponenten und Prozesse wie Zellen und Stoffwechsel, schließt aber alle anderen Bestandteile - wie Nahrung oder sonstige Umgebungsfaktoren einerseits, aber auch körpergebundene psychische Vorgänge andererseits - aus. Psychische Systeme wie das im Gehirn prozessierende Bewusstsein wiederum bestehen ausschließlich aus Wahrnehmungs- und Erkenntnisakten, während alle materiellen und kommunikativen Elemente ihrer Umwelt zuzurechnen sind.

 

Systeme sind zwar von ihrer Umwelt abgeschlossen, können aber ohne Umwelt nicht existieren. „Sie konstituieren und sie erhalten sich durch Erzeugung und Erhaltung einer Differenz zur Umwelt, und sie benutzen ihre Grenzen zur Regulierung dieser Differenz... In diesem Sinne ist Grenzerhaltung (...) Systemerhaltung"(9)

Die Umwelt eines Systems kann selbst kein System sein, denn sie ist immer vielfältiger als jedes System und verfügt ihrerseits nicht über die Möglichkeit, Unterscheidungen an sich selbst vorzunehmen. Obwohl die Umwelt eines Systems gewissermaßen nur das ist, was das System als externen „Rest" lässt, also ein „Negativkorrelat"(10), ist sie nicht absolut ungeordnet und formlos, denn in ihr operieren weitere autonome Systeme, auf die sich ein bestimmtes System als Umweltdatum beziehen kann.(11) Wir kommen auf diesen Gedanken wieder zurück.

 

Komplexitätsreduktion

 

Was ist nun die Aufgabe von Systemen? Warum entstehen Sie und warum entwickeln sich immer neue Systeme in schon bestehenden Systemen? Luhmann antwortet darauf mit dem allgemeinen Hinweis, Systeme hätten ausschließlich die Funktion, Umweltkomplexität zu reduzieren In einer noch unstrukturierten Umwelt sind nämlich alle vorhandenen Bezugselemente (die von Systemen potentiell ausgewählt werden können) noch unbestimmt, unverbunden und insofern ununterscheidbar. Eine komplexe Umwelt enthält also Stoffliches und Lebendiges, Denkbares oder sprachlich Darstellbares gleichzeitig und beliebig nebeneinander, existiert also in einem Zustand, in dem noch alle Möglichkeiten der Elementselektion durch ein gegebenes System gleich wahrscheinlich sind, und der in der Systemtheorie „Kontingenz" genannt wird.

Ein in der Natur wirkendes evolutionäres Prinzip hat nun die Tendenz, die Kontingenz durch ^ordnete Selektionen zu überwinden, indem es die anfängliche Umweltkomplexität reduziert, mithin teilweise ordnet und beherrschbar macht.(12) Möglich wird dies durch die Funktionsweise von Systemen, die aus der Vielzahl von UUmweltelementen einige dieser Elemente oder Möglichkeiten unter einer je systemrelevanten Perspektive selektieren und aufeinander beziehen. Je häufiger nun das System die Operation der Differenzierung und Selektion anwendet, desto zahlreicher werden seine internen Elemente und die dazwischen möglichen Relationen. Hat sich auf diese Weise erst die Eigenkomplexität des Systems erhöht, so beginnt es, seine eigenen Elemente (wie zuvor die Umwelt) zu differenzieren(13) und bildet Teilsysteme aus.

Am Beispiel eines betrieblichen Organisationssystems lässt sich der Prozess der Systembildung bzw. Systemausdifferenzierung etwas anschaulicher darlegen, auch wenn hierbei die Gefahr besteht, dass -entgegen der Luhmannschen Konzeption - der substantielle Aspekt der Systemstruktur zu stark betont wird:

Unser Wirtschaftssystem beruht auf arbeitsteiligen Strukturen und Prozessen, die zur Ausbildung von spezialisierten Subsystemen geführt haben. Dazu sind auch Organisationen wie Unternehmen und Verbände zu rechnen. Ein Unternehmen kann auf einem geringen Organisationsniveau starten. In einem Familienbetrieb etwa gibt es kaum abgegrenzte Abteilungen und einen nur geringen Grad an Spezialisierung. Wächst nun der Betrieb, weil die Betriebsumwelt komplexere Anforderungen an das Marketing stellt, etwa in Hinblick auf Materialbeschaffung oder beschleunigten Konsum, so werden sich Schritt für Schritt Arbeitsbereiche entwickeln, um den Systembestand zu sichern (etwa eine Abteilung für Einkauf, Controlling oder Marktforschung). Oder in der Sprache der Systemtheorie: Durch interne Differenzierung erhöht der Betrieb seine Eigenkomplexität und verursacht dadurch selbst Kontingenz (gewissermaßen eine störende Komplexität), die dann erneut problematisch wird und durch die Ausdifferenzierung weiterer Subsysteme gelöst werden muss.

 

Systemtypen und Systemcodes

 

Systeme können sich nun nicht willkürlich ausbilden, sie sind vielmehr an bestimmte, je typeneigene Bildungsgesetze bzw. Differenzierungsmodi gebunden. Luhmann unterscheidet dementsprechend vier verschiedene Kardinaltypen von Systemen. Dazu gehören

  • die mechanischen bzw. physikalischen Systeme (wie Maschinen oder naturhafte Systeme),

  • organische Systems (wie Lebewesen)

  • psychische Systeme (Gedanken bzw. Bewusstsein in lebendigen

  • Organismen bzw. Personen)

  • soziale Systeme (Gesellschaften und deren funktional ausdifferenzierte Teilbereiche wie z.B. Wirtschaft, "Wissenschaft u.a.).

Alle bestehenden Systeme und Subsysteme operieren innerhalb einer Welt nebeneinander und aneinander, sind aber trotz aller aufeinander bezogener Funktionen für sich autonom und unabhängig und haben insofern - wie beschrieben - ihre je eigene Umwelt.

Die Verschiedenheit der einzelnen Systemtypen hängt im Wesentlichen von drei konsumtiven Voraussetzungen ab: von der medialen Beschaffenheit ihrer Elemente, den speziellen Operationsweisen und dem jeweiligen Systemcode. Psychische Systeme zeichnen sich also aus durch das Medium neuronaler Ströme, durch die besondere Operationsweise des medial gebundenen Denkens und durch eine Entscheidungsregel (Code), die steuert, welcher Einheit der Umwelt für das

System selektionsrelevant ist. Codes haben die Form eines zweiwertigen (binären) Differenzierungsschemas, dessen Regelkraft darüber entscheidet, was als Element in das System aufgenommen wird und

was nicht.(14) Der Code eines sozialen Systems legt zum Beispiel fest, was in der jeweiligen Systemumwelt überhaupt eine Rolle spielt, das heißt, was für uns sinnvolle Gegenstände und Aussagen sind, die für ein bestimmtes System bedeutungsvoll sind oder in dieses „passen".

Unter Umgehung der komplizierten Codedefinition bei Luhmann lässt sich hierfür ein Beispiel aus dem Wissenschaftssystem wählen. Dessen Code besteht aus einer systemspezifischen Ja/Nein-Opposition, die sich in der Form „das ist eine wahre Aussage" oder „das ist eine

unwahre Aussage" wiedergeben lässt. Genau eine dieser Aussagen entscheidet anlässlich einer wissenschaftlichen Untersuchung oder Theoriebildung darüber, ob ein Fremdelement in das System der wissenschaftlichen Aussagen integriert werden kann oder nicht.

Luhmann differenziert drei Haupttypen im Codes, die er den entsprechenden Systemtypen15 zuordnet:

  • den mechanischen oder physikalischen Code (in unbelebten Natursystemen oder Maschinensystemen), beispielsweise einen Programmier- oder Steuerungscode wie kalt/warm bei Klimaanlagen;

  • den genetischen oder organischen Code in der Tier- und Pflanzenwelt mit der Binarität genetisch kompatibel/nicht-kompatibel (zum Beispiel bezüglich der DNS-Struktur) und den

  • semiotischen Code bei bewusstseins- oder kommunikativ geleiteten Sinnsystemen.

 

Kommunikation in sozialen Systemen

 

Mit den einführenden Hinweisen zur allgemeinen Systemtheorie kann nunmehr die Spezifik der sozialen Systeme herausgearbeitet werden, auf die Luhmann sich in seinen Untersu-chungen nahezu ausschließlich konzentriert. Während im Commonsense-Verständnis unter

einem sozialen System in der Regel eine mehr oder minder organisierte Personengemeinschaft verstanden wird, weicht Luhmann von dieser Sichtweise radikal ab. Für ihn bestehen soziale Systeme ausschließlich aus zeichengebundenen Kommunikationen und nicht aus irgend- welchen zusätzlichen personellen, psychischen oder materiellen Elementen. „Wir gehen davon aus, dass die sozialen Systems nicht aus psychi schen Systemen, geschweige denn aus leibhaftigen Menschen bestehen. Demnach gehören die psychischen Systeme zur Umwelt sozialer Systeme"(16), sind also von letzteren vollständig getrennt und haben nichts mit ihnen gemeinsam. Kommunikation ist folglich im systemtheoretischen Konzept nicht Ausdruck und Ergebnis menschlichen Handelns oder individueller Intentionen, sondern ein selbstbestimmtes, in sich geschlossenes Sinnsystem eigener Art, das seine Operationen autonom und eigensinnig vollzieht. Das kommunikativ operierende soziale System macht sich zwar auch andere Systeme zunutze, es funktioniert jedoch nach Luhmann nicht im Rahmen eines (zwischen)-menschlichen Gesamtsystems, das, im Zusammenspiel mit verschiedenen anderen Instanzen (Bewusstsein), als Steuerzentrum über die Auswahl und den Verlauf von Kommunikationen entscheidet. Vielmehr ist es umgekehrt: das Sinnsystem bestimmt, Vielehe kommunikativen Möglichkeiten in einer Situation aktualisiert werden und wie sich die Kommunikation fortentwickelt. Für die funktionalistische Systemtheorie ist also der „Mensch in diesem Sinne kein System, sondern er besteht aus mehreren getrennt operierenden Systemen"(17), beispielsweise aus einem organischen, neuronalen und psychischen System Menschen, die derartig aufgespalten konstruiert werden, können demzufolge weder Kommunikation und Denken intern verbinden(18) noch können sie untereinander kommunizieren. Ihre Bewusst-seinssysteme, die aus Gedanken bestehen, sind ja gegeneinander abgeschlossen und können sich ihre Gedanken nicht als solche mitteilen. „ Was auch immer mr denken, wir können nicht an den Vorstellungen eines anderen Bewusstseins unmittelbar partizipieren, mr kamen besten/aus unterstellen, dass das andere Bewusstseinssystem in diesem Moment einen bestimmten Gedanken fasst..."(19)

 

Autopoiese

 

Kommunikation begründet, wie dargelegt, einen völlig eigenständigen Operationsmodus, der sich von demjenigen anderer Systemtypen und selbst noch von dem der psychischen Opera-tionsweise grundsätzlich unterscheidet.(20) Um die Eigendeterminiertheit sozialer wie auch anderer Systeme zu erklären, beruft sich Luhmann auf die Autopoiese von Systemprozessen, d.h. auf die Theorie der Selbstorganisation des Systems, die bereits im Konstruktivismus begründet wurde.(21)

Fassen wir noch einmal die wesentlichen Bestimmungsmomente der Autopoiese zusammen:

Autopoietische Systeme zeichnen sich durch die Fähigkeit zur Selbstreproduktion aus, insofern sie sich, um sich zu erhalten, ausschließlich auf ihre eigenen Elemente, niemals jedoch auf Fremdelemente anderer Systeme beziehen. Die Produktion neuer Systemelemente hängt also allein von früher vollzogenen Operationen des Systems ab, die zugleich die Voraussetzung für mögliche Folgeoperationen bilden. Kommunikationen im sozialen System sind das Ergebnis vorausgegangener Kommunikationen und ziehen weitere nach sich.(22) Diese Fähigkeit zur Bezugnahme auf sich selbst bzw die eigenen Operationen nennt Luhmann Selbstreferenz; die Wiederanwendung der Operationsregel, nach der eine neue Kommunikation generiert und mit anderen vernetzt wird, bezeichnet er mit Rekursivität. Zur Erläuterung: An reale Kommu-nikationen kann nur dann sinnvoll angeknüft werden, wenn auch die neuen Kommunikationen nach dem gleichen Selektionsmodus und den gleichen Bildungsregeln produziert werden. Damit dies gelingt, muss das System selbst eine Art Kompatibilitätsprobe (nach dem Kriterium: passt das neue Element zu den bisherigen Elementen?) machen, die notwendig Selbstreferenz voraussetzt. Rekursivitätsregeln stellen andererseits sicher, dass kommunikative Aussagen (Sätze) entsprechend den bisherigen Sinn- und Formmustern (Aussagesinn und Grammatik) generiert werden.

 

Autopoietische Systeme müssen autonom, d.h. eigendeterminiert und operativ gegenüber anderen Systemen abgeschlossen sein. Wäre das nicht der Fall, so würden systemfremde Elemente sie beeinflussen können und letztlich ihren Fortbestand als einheitliches System gefährden. Operative Geschlossenheit wird deshalb zur Voraussetzung für weitere Differenzierungsleistungen gegenüber der Umwelt.(23) Geschlossenheit bedeutet demzufolge, dass ein System durch seine Umwelt (und die darin enthaltenen anderen Systeme) nur „angereizt", aufmerksam gemacht werden kann, dass es jedoch kein Außenelement übernimmt. So betrachtet findet im sozialen System auch keine Informationsübertragung statt:(24) Das System schafft sich seine Information allein durch den eigenen Unterscheidungsakt und setzt daraufhin eine interne Operation in Gang, durch die es seinen Elementzusammenhang restrukturiert: Indem ein soziales System eine neue Unterscheidung macht, erweitert es sein Netzwerk von Sinnelementen und verändert seine Erwartungen gegenüber der Umwelt.

 

Das Verhältnis von psychischen zu sozialen Systemen

 

Das eigentümlich getrennte Verhältnis zwischen Kommunikation und Bewusstsein in der Systemtheorie ist sicher erklärungsbedürftig. Einerseits sollen beide Systemtypen gegen-einander abgeschlossen existieren, andererseits sind sie eng aufeinander angewiesen und ohne eine Bezugnahme aufeinander nicht funktionsfähig. Wie vollzieht sich aber unter diesen Bedingungen eine wechselseitige Beeinflussung?

Luhmann „löst" dieses Problem mit dem Hinweis, dass sowohl soziale wie psychische Systeme wechselseitig Umwelt füreinander darstellen. Kommunikative Systeme werden also durch Gedanken, die eine Einheit (ein Datum) der Umwelt bilden, angereizt wie auch umgekehrt; beide Systemtypen nehmen also gegenseitig Unterscheidungen aneinander vor. Einfacher gesagt: Die Kommunikation verarbeitet die in ihrer Umwelt vorfindbaren Folgen der Gedankentätigkeit psychischer Systeme, während diese ihrerseits Kommunikationen als Umweltanreize und Orientierungen für Wahrnehmungen und Erkenntnisse innerhalb des eigenen Systems selektieren. Luhmann drückt, diesen Kopplungsvorgang sinngemäß so aus: das psychische und das soziale System stellen sich gegenseitig Kontingenz zur Verfügung''.(25)

Die besondere „Leistung" des sozialen System besteht also darin, dass es über Kommunika-tionen zwei oder mehrere Bewusstseinssysteme aufeinander beziehen kann. Durch Kommu-nikation werden psychische Akte verschiedener Personen (ohne deren Mitwirkung als Regisseure) selektiert und. als Elemente (unter mehreren anderen) m. das soziale System eingebaut. Oder anders gesagt: Die Kommunikation bezieht „eigensinnig" zwei Vorstellungs-systeme aufeinander und sorgt dafür, dass sich interindividueller (= sozialer Sinn) entfalten kann beziehungsweise die Interaktionen zweier Personen in Kommunikation aufeinander abgestimmt werden. Auf diese Weise können sich schließlich beide Systeme komplementär und gleichsinnig verhalten. Es entsteht ein soziales System, das sich nun autonom fortentwickelt.

Übersetzen wir diese komplizierte Beschreibung zur Vereinfachung in eine triviale Situation: Eine Person A (in der neben anderen Systemen auch ein psychisches System funktioniert) nimmt etwas wahr/beobachtet etwas und macht sich davon einen Begriff (eine Kognition), den es einer Person B vermitteln möchte; z.B. sagt A:

„guck mal, die Uhr ist aber teuer!". A reagiert also auf eine Umweltinformation (die Uhr im Schaufenster), verarbeitet sie in seinem psychischen System gedanklich und fühlt sich durch B's Anwesenheit zu einer Äußerung herausgefordert, die er/sie deshalb sprachlich vollzieht, d.h. B „mitteilt." In dem Moment, in dem B die sprachliche Äußerung wahrnimmt, die in ihr enthaltene Information identifiziert und zugleich versteht, dass es sich um eine an ihn gerichtete Botschaft handelt, hat sich jedoch ein soziales, kommunikatives System hergestellt, innerhalb dessen nun nicht mehr Gedankeninhalte als Elemente in Beziehung gesetzt werden, sondern Kommunikationen (über sprachliche Zeichen).(26) Die Kommunikation kam allein zustande kraft der sozialen Situation und der wechselseitigen Verhaltenserwartungen von A und B in ihr. Indem nun B den gesprochenen Satz intern verarbeitet, sich also seinerseits einen Begriff von der Äußerung macht, behandelt sein psychisches System (das Gehirn) die Kommu-nikation wie ein Fremdelement, das wiederum sein Kognitionssystem anreizt und in seinem Zustand verändert: B's psychisches System hat also eine neue Differenz gebildet und verarbeitet diese nun nach eigenen Denkgesetzen autopoietisch. Woraus praktisch folgt: Zwar können psychische Systeme ein soziales System in Gang setzen und Verständigung herbei- führen, die jeweiligen Elemente beider Systemtypen treten jedoch nicht miteinander in Kontakt. Nur was A wörtlich sagt, kann B verstehen, niemals jedoch, was sich A dabei gedacht hat; so wie auch B's Gedanken infolge der Äußerung A uneinsichtig bleiben.

 

Kommunikation als Selektionsprozess

 

Wenn Luhmann postuliert, dass Kommunikatoren - im Sinne der konventionellen Theorie - untereinander weder Nachrichten absenden noch empfangen können und also eine Informationsübertragung nach gewohnter Vorstellung nicht möglich sein soll, wie ist dann Kommunikation überhaupt möglich?

Das ziemlich schwierige Konzept vom Kommunikationsprozess bei Luhmann bedarf der näheren Erläuterung. Formal beschreibt die Systemtheorie Kommunikation als eine dreistellige Einheit oder Selektion aus Information, Mitteilung und Verstehen. Erst alle drei Komponenten zusammen machen in ihrer Synthese wirklich Kommunikation aus.(27)

  • Information, als erste Selektion ist eine Auswahl des sozialen Systems aus dem Umwelthorizont in Form einer Bezugnahme auf einen Aussageinhalt. Aus den unendlich vielen Möglichkeiten trifft das System autonom eine Unterscheidung und macht sie zu einem Systemelement. Die Information ist ein „Ereignis", das den inneren System-zustand verändert, insofern die vorherige Erwartungsstruktur umorganisiert wird (das interne Systemgefüge wird komplexer).(28) Information ist insofern nicht schon vorher als Angebot aus der Umwelt „irgendwie da", sondern wird selbst produziert nach den Bedingungen des Systems bzw. durch Kommunikation konstituiert.
    Was nun das System als Information empfindet, wird durch den jeweiligen Code festgelegt. Man kann auch sagen: alles und zugleich nur das, was in einer Kommu-nikation zeichenhaft vermittelt werden kann, ist mögliche Information. Hingegen ist alles, was der semiotische Code nicht verwandeln/selektieren kann - seien es physische oder psychische Zustände, dementsprechend nicht kommunizierbar.
  • In der Unterscheidung der Mitteilungen der Information zeigt sich die eigentliche kommunikative Leistung oder Funktion, denn erst dadurch, dass eine Information an einen Adressaten gerichtet und ihr eine sinnhafte Absicht zugeschrieben wird, kann ja eine kommunikative soziale Beziehung hergestellt und ein Verstehen möglich werden. Zugleich selektiert ein System mit der Mitteilung eine bestimmte Ausdrucksform, in der die Information dargestellt wird. Es kommuniziert also die Information mittels einer bestimmten Formulierung oder einer bestimmten Artikulationsweise.

  • Schließlich ist eine vollständige Kommunikation auf das Verstehen der selektierten Mitteilung angewiesen, ohne das eine Fortsetzung der Kommunikation gar nicht möglich wäre. Verstehen bedeutet hier in engerer Fassung 'nur', dass eine sinnhafte Unterscheidung zwischen dem Informationsereignis und seiner Mitteilung vollzogen wird - jedoch mit dem entscheidenden Erfolg, dass die Information nun einen Handlungssinn zugewiesen bekommt (das System erkennt: mit dieser Information ist etwas für jemanden gemeint).
    Verstehen ist jedoch - wie im allgemeinen Verständnis - kein individuell psychischer Akt (also keine gedankliche Leistung), sondern eine Selektionstätigkeit des Kommuni-kationssystems selbst. Dieser Vorgang ist so zu verstehen, „ dass jede Anschlusskommunikation signalisiert, dass die vorangegangene Kommunikation in einer bestimmten Art md Weise verstanden worden ist"(29). Aus der Anschlusskommu-nikation geht also hervor, was in welcher "Weise verstanden wurde. Konkret schlägt sich für uns das Anschlusshandeln in Form sinnvoller Satzverknüpfung und Gesprächs-organi sation nieder. Verständlich ist Kommunikation für uns nur, wenn sie zusammen-hängend und sinnstrukturiert abläuft.

Damit nun Kommunikation sinnhaft fortschreitet, müssen ihre Inhalte geordnet werden. Praktisch lösen wir das, indem wir einzelne Äußerungen in einen thematischen Zusam-menhang fügen. Als Strukturierungsmittel dienen inhaltsbezogene Themen oder Beiträge. „Kommunikationszusammenhänge müssen durch Themen geordnet werden, auf die sich Beiträge zum Thema beziehen können. Themen überdauern Beiträge, sie fassen verschiedene Beitrag zu einem länger dauernden, kurzfristigen oder auch langfristigen Sinnzusammenhang zusammsn. ... Auch reguliert sich über Themen, wer was beitragen kann, Themen diskrimi-nieren die Beiträge und damit auch die Beiträger." (30)

Kommunikation reguliert auf diese Weise nicht nur thematische Sequenzen, sondern sie nimmt auch Einfluss darauf, welche Person als beitragsberechtigt oder kompetent angesehen wird. Schließlich kann sie auch steuern, unter welchen Bedingungen bestimmte Schwellen

der Thematisierung errichtet werden. Beispielsweise in Hinblick auf die Schwierigkeit eines Stoffes (Theoretisierungsschwelle) oder hinsichtlich der moralischen Opportunität, wenn es um Obszönitäten seht.

 

 

1.2   Luhmanns Systemtheorie in der Kritik

 

Schon die skizzenhafte Aufsicht auf die Systemtheorie Luhmanns

gibt einige gedankliche Risiken dieses „Fluges über den Wolken"(31) zu

erkennen. Am häufigsten ist wohl die Klage, das Hauptwerk Luh-

manns sei aufgrund seiner exzentrischen Terminologie und Abstrakt-

heit schwer entschlüsselbar. Darüber hinaus wird eingewandt, die

gesamte Theoriekonstruktion sei nicht transparent, offenbare einen

Mangel an systematischer Reflexion(32) und arbeite mit sich selbst

erklärenden Begriffen.(33) Ein weiterer bedenkenswerter Vorbehalt rich-

tet sich auf den bei Luhmann vermuteten Antihumanismus.(34) In Luh-

manns Theorie hätten die Menschen als verantwortlich Handelnde in

einer Welt sich selbst organisierender Systeme keinen Platz mehr.

Unter diesem Aspekt ist auch die mittlerweile berühmt gewordene

Habermas-Luhmann-Debatte aus den siebziger Jahren zu würdigen.(35)

Habermas lastet der Systemtheorie an, sie leiste pathologischen

Gesellschaftsentwicklungen in Form von Sinn- und Freiheitsverlusten

Vorschub. Ein Denken in systemtheoretischen Kategorien legitimiere

die Zerstörung der uns noch konkret zugänglichen, intersubjektiv

gestaltbaren Lebenswelt durch die systemisch-abstrakten Steuerungs-

konzepte der Ökonomie und der politischen Herrschaft.

Auf Teilprobleme hingegen orientiert sind die kritischen Urteile in

Bezug auf einige Grundannahmen und Schlussfolgerungen der Sy-

stemtheorie, von denen wir einige herausgreifen: Nachhaltigen Anstoß
nimmt die Kritik immer wieder an der willkürlichen Trennung psychischer
und sozialer Systems. Die Folge der Aufspaltung der Sinnsysteme in zwei
getrennte Bereiche ist, dass die psychischen Systeme innerhalb von Menschen
sich unvermittelt gegenüberstehen und keinerlei Übereinkunft

über die sie umgebende Wirklichkeit und über den sie leiten-

den Handlungssinn treffen können. Das Luhmannsche Kon-

strukt kann so beispielsweise nicht erklären, wie Sprache und

Denken systematisch ineinandergreifen. Und auch nicht, wie

die Sozialisation (das heißt die Integration des Individuums in

das soziale Normengefüge) vonstatten gehen soll, wenn nicht

auf der Grundlage wechselseitiger, intentionaler Sinnzuschrei-

bungen im Rahmen einer sozial verbindlichen Kultur.(36)

Luhmann betrachtet Kommunikation immer nur hinsichtlich

ihrer Leistungen für die undifferenzierte Gesamtgesellschaft

und nicht in Hinblick auf soziale Interaktion. Reale Personen

in zwischenmenschlicher Kommunikation werden ausgeblen-

det, aber gerade sie sind es, die Kommunikationsereignisse als

für sie selbst wesentlich definieren. Ferner vernachlässigt diese

Sichtweise die mögliche Vielfalt und Unterschiedlichkeit

lebensweltlicher Teilsysteme mit eigenen Codes (Gruppen-

sprachen), denn bei informationeller Geschlossenheit des

sozialen Systems kann es logischerweise keine Binnencodes

geben.

Auch der Zeichen- und Sprachbegriff Luhmanns bleibt fremd.

Sprache und Zeichen werden hier nicht als sinnhafte Struktur

und Medium der Verständigung begriffen, nicht einmal als

Mittel der Selbstreflexion, sondern lediglich als Hilfe zur Ver-

gegenständlichung und Generalisierung von Sinn. Sprache

wird somit reduziert auf eine formale Technik, d.h. auf das

„Gliedern, Abstrahieren und Verallgemeinern von sprachlichen

Bewusstseinsprozessen" , um so die „Korrespondenzfähigkeit" in

Kommunikationen zu erhöhen.(37)

 

 

2.   Vom Nutzen der Systemtheorie für die 
           
Kommunikationswissenschaft

 

Systemtheoretisches Denken hat in vielfältiger Form Eingang in

die Medien- und Kommunikationswissenschaften gefunden - zum

einen unter dem Gesichtspunkt komplexitätsreduzierender Prozesse,

zum anderen unter dem Hauptaspekt einer systemabhängigen auto-

nomen 'Wirklichkeitskonstruktion.(38)

Einige unter dem Aspekt der Systemdifferenzierung untersuchte

Gegenstände seien kurz und exemplarisch genannt:

Mehrere Beiträge zur Entwicklungsgeschichte der Medien- und Mas-

senkommunikation gehen darauf ein, -wie und unter welchen sozialen

bzw. technischen Bedingungen sich die heutigen Medien- und Kom-

munikationsformen aus systemischen Vorformen entwickelt haben.(39)

In diesem Kontext kann auch das PR-System als spezialisiertes Sub-

system der "Wirtschafts- oder Marktkommunikation beschrieben wer-

den, das sich im Bereich der weiblichen Kommunikationsformen

unter dem Druck ansteigender Komplexität auszudifferenzieren

beginnt.(40) Funktional notwendig wird das neue System, um das sich

verschärfende Problem eines zunehmenden Legitimationsbedarfs und

der vermehrten Vertrauensbildung (unter den Bedingungen diffus

gewordener Angebotsmärkte) zu lösen.

Systemtheoretisches Denken greift darüber hinaus auch an her-

kömmlichen Begriffsvorstellungen an, wie sich etwa an der Dynamisie-

rung des Öffentlichkeitsbegriffs zeigen lässt. In der publizistischen und sozi-

alphilosophischen Theorie wurde Öffentlichkeit" lange substantiell

aufgefasst, sei es als Ansammlung von Individuen oder als „Markt-

platz". Dem Nachweis einer materiellen Form von Öffentlichkeit

kann eine systemtheoretische Beschreibungsform aus dem "Wege

gehen, in dem sie Öffentlichkeit sozusagen als Zirkulationssphäre

relevanter Themen konzipiert. Die jeweilige Themenauswahl richtet

sich nach Attraktionspunkten der öffentlichen Aufmerksamkeit. Wel-

che Themen verknüpft werden und wie lange sie in Umlauf sind, wird

jedoch nicht von Organisationen oder Personen entschieden, sondern

ist Ausdruck der Operationsweise des Kommunikationssystems.

Systemtheoretiker würden sagen: Die Öffentlichkeit ist eine schon

reduzierte, also nur noch relativ kontingente Umwelt für das gerade

tätige Medien- oder PR-System. Aus ihr sind jedoch die relevanten

Bezugsgruppen erst noch mithilfe konkreter PR-Maßnahmen zur

Erzeugung gebündelter Aufmerksamkeit auszuwählen. In dieser

Betrachtungsweise liegen die Öffentlichkeiten also nicht bereits abruf-

bar vor, so dass man sie nur noch identifizieren muss. Die jeweils rele-

vante Zielgruppe oder Teilöffentlichkeit wird gewissermaßen erst

angesichts eines vorgegebenen Problems geschaffen.(41) Öffentlichkeit

ist so gesehen eine noch ungeformte und unerkannte Potentialität, aus

der nur von Fall zu Fall aktuelle Adressatengruppen selektiert wer-

den.(42)

Spezieller in der Publizistik -weisen zahlreiche Untersuchungen eine

klare systemtheoretische Orientierung auf:

So wird die Redaktions- ebenso wie die Gatekeeperforschung (43)

unter systemanalytischen Aspekten betrieben, um die wechsel-

seitigen Einflüsse der jeweiligen Systemelemente in Redaktio-

nen und deren Folgen zu erfassen.(44)

- Einen eigenen Untersuchungsbereich bilden nach Ulrich Saxer

die sogenannten institutionsreferentiellen Systeme. Damit sind bei-

spielsweise Besonderheiten des Codes beziehungsweise

Sprachstils in verschiedenen journalistischen Ressorts

gemeint. Ein Beispiel dafür ist das Auftreten des Militärjar-

gons im Nachrichtenwesen.(45)

Auf entsprechende Weise lassen sich situationsreferentielle Systeme

ausdifferenzieren, die sich an bestimmten Situationen oder

Inhalten der Berichterstattung herauskristallisieren.

Beispielhaft ist hier etwa das "System" der Krisen- oder Sen-

sationsberichtserstattung zu nennen, deren Systemcharakter

sich markant in der "Selbstorganisation" von Themenkarrie-

ren offenbart. Angesichts eines diffusen öffentlichen Drucks

auf Berichterstattung und eines durch Marktmechanismen

verstärkten Thematisierungszwang fühlen sich Journalisten

und Redaktionen zunehmend einer persönlichen Verantwor-

tung für die Agenda enthoben.(46)

 

 

3.   Das System als Handlungssubjekt

 

Auch wenn man nicht die Annahmen über die Selbstreferenz be-

ziehungsweise operative Geschlossenheit sozialer Systeme und ihrer

Prozesse grundsätzlich teilt, bleibt doch die Erfahrung eines systemi-

schen Selbstlaufs in verschiedenen Erlebnissphären durchaus zugäng-

lich. Schon anhand von Medienprozessen - wie etwa bei der Erzeu-

gung von „political correctness" - oder auch anhand des sozialen Phä-

nomens des Gerüchtes ist zu bemerken, wie resistent systemabhängi-

ge Kommunikation gegenüber individuellen Einsprüchen und Kor-

rekturen ist. Ähnliche Erfahrungen drängen sich auf der Ebene von

Organisationen oder von Großsystemen wie in Form von Politik, Ver-

waltung oder Wirtschaft auf. Hier wie dort haben wir es mit sozialen

Systemen zu tun, die analog zu personalen Akteuren einer Hand-

lungslogik folgen oder zu folgen scheinen. Der Eindruck, ein Organi-

sationssystem handele quasi wie ein willengeleitetes Subjekt, folgt

allerdings nicht daraus, dass ein solches System ähnlich wie Personen

Motive und Interessen ausbilden könnte, sondern allein aus dessen

wiedererkennbarer und regelhafter Operationsweise. Diese Operati-

onsweise wiederum ist als ein „sensibler" Reflex auf die Außenanfor-

derungen an das soziale System zu begreifen oder genauer: auf das

Vorhandensein konstanter Erwartungsstrukturen, die das System ebenso

erzeugt wie beantwortet.(47)

Ein bürokratischer Verwaltungsapparat kann uns somit deshalb als

„anonymer Akteur" erscheinen, weil wir an ihn selbst mit gleicharti-

gen Leistungserwartungen herantreten und ihm somit ein schemati-

siertes systemisches Antworthandeln ermöglichen. Auch im Bereich

der Organisationskommunikation haben wir es konkret mit dem

Quasi-Persönlichkeitscharakter von verfassten Körperschaften oder

Unternehmen zu tun. So zielt ja der gesamte Prozess der Gestaltung

Einer Unternehmenspersönlichkeit, also einer Corporate Identity, darauf

ab, die jeweilige Organisation als kollektives Handlungssubjekt mit

einer eigenen Identität darzustellen. In diesem Fall besteht die kom-

munikationstrategische Aufgabe gerade darin, das Handeln einer

Organisation nicht einem Teil ihrer Mitglieder zuzuschreiben, sondern

die Organisation als übersummatives und verantwortliches System

auszuweisen, das durch die einzelnen Mitglieder lediglich repräsentiert

wird.

 

 

Anmerkungen

 

1)  Eine natürliche Struktur in diesem Sinne stellte der Kosmos dar,

eine soziale Struktur z.B. die Ständegesellschaft oder die Familie.

2)   So beruft sich die Gestaltpsychologie darauf, dass eine personale

Gesamtgestalt eine erweiterte Qualität aufweist gegenüber der

bloßen Anhäufung ihrer einzelnen Teilelemente. Diese Denkfigur

teilt auch die Gmppenpsychologie, wenn sie darauf verweist, dass

eine Gruppe etwas anderes und zwar mehr ausmacht als nur ein

Aggregat von Einzelpersonen.

3)   Willke, Helmut, Systemtheorie I, Stuttgart 1996, S.5

4)   Vgl. Kneer, Georg/ Nassehi, Armin, Niklas Luhmanns Theorie

sozialer Systeme, München 1994, S. 35 f.

5)   Eng verbunden mit dem Konzept der selbstreferentiellen Systeme

ist die Theorie des neueren Konstruktivismus, in der die Prozesse

der Selbstherstellung und Selbsterhaltung (= Autopoiesis) eine

zentrale Rolle im Zusammenhang mit Wirklichkeitsentwürfen spie-

len. Vgl. dazu auch das Kapitel zum Konstruktivismus in diesem

Band.

6)   Der Text orientiert sich im wesentlichen an Luhmanns Hauptwerk

„Soziale Systeme" von 1984 und an der darin verwendeten Termi-

nologie, jedoch werden auch weitere Schriften Luhmanns herange-

zogen.

7)   Luhmann, Niklas, Soziale Systeme. Grundriß einer allgemeinen

Theorie, Frankfurt 1984, S.19

8)   D.h. sie scheint der Alltagserfahrung in vielen Punkten zu wider-

sprechen (obwohl diese Art des Widerspruchs noch nichts über

ihre Angemessenheit und Geltung besagt).

9)   Luhmann: Soziale Systeme, S. 35

10)  Vgl. Esposito, Elena, System/Umwelt, in: GLU - Glossar zu

Niklas Luhmanns Theorie sozialer Systeme, Frankfurt 1997, S. 196.

Dementsprechend kann man auch nicht sagen, die Umwelt bestün-

de vor allen Systemen; vielmehr entstehen beide zusammen, und

als Anfang kann in diesem Sinne nur die Differenz selbst gelten.

11) Nichtsdestoweniger nimmt jedoch jedes einzelne System aus seiner

Perspektive die Umwelt als ungeordnet oder chaotisch wahr, veil

es die von anderen Systemen geleisteten Systematisierungen nicht

erkennen kann. Das hier auftretende Paradoxon zwischen relativer

Ordnung für einen (fiktiven) Beobachter zwischen den Systemen

und einer absoluten Kontingenz außerhalb der System-Umwelt-

Beziehungen versucht Luhmann durch den Begriff der „Welt" zu

lösen, die er als einen gänzlich abstrakten Ermöglichungsgrund für

Unterscheidungstätigkeit überhaupt bzw. als „formloses Korrelat

der in ihr stattfindenden Operationen (vgl. GLU, a.a.O., S.206);

siehe auch David J. Krieger: Einführung in die allgemeine System-

theorie, München 1996, S. Uff. und Luhmann: Soziale Systeme,

S.283ff.

12)  So könnte man auch den Satz in der Genesis erklären, wonach das

Wort oder der Geist (oder die Tat) als ein System in Erscheinung

trat, um das anfängliche Chaos zu ordnen („Am Anfang war das

Wort«).

13)  Luhmann spricht in diesem Fall davon, dass das betreffende System

die anfängliche System/Urnweltunterscheidung in sich selbst wie-

derholt bzw diese auf seine eigenen Elemente anwendet.

14)  Dazu auch Esposito, E., Code, in: GLU, a.a.O., S.33-37

15)  Dabei fasst er die psychischen und sozialen Systeme zur Klasse der

Sinnsysteme zusammen.

16) n Luhmann: Soziale Systeme, a.a.O., S.346

17)  Kneer,G./Nassehi,A., a.a.O., S.66 (Fußnote 5)

18)  D.h. Denken und Kommunizieren hängen nicht zusammen; sie

können sich nur wechselseitig „beobachten".

19)  Kneer/Nassehi, a.a.O., S.67

20)  Dementsprechend formulieren Kneer/Nassehi pointiert: „Die

Kommunikation kommuniziert und denkt nicht. Und: Das

Bewusstsein denkt und kommuniziert nicht" (a.a.O., S. 73)

21)  Vgl. dazu die Ausführungen im Kapitel zum Konstruktivismus in

diesem Band.

22)  Esposito, E., in: GLU, a.a.O., S.29f.

23)  Als ein Beispiel mag das Rechtssystem dienen: Wenn das Rechtssy-

stem andere Elemente als normative Entscheidungen über

legal/illegal in sich zuließe (etwa Glaubenssätze oder moralische

Urteile), dann wäre es bald kein zuverlässiges Rechtssystem mehr.

24) Luhmann: Soziale Systeme, a.a.O., S. 193ff.

25) Für den bezeichneten Prozess der intersystemischen Zuarbeit führ-

te Luhmann den Begriff der Interpenetration ein, den er in späte-

ren Werken - in Anlehnung an Maturana - durch strukturelle

Kopplung ersetzt.

26) Die Frage, warum sowohl A und B sich sprachlich verständigen

können, d.h. warum ihre Worte überhaupt Mitteilungswert haben,

wird von Luhmann nicht hinreichend erklärt.

27) Die Dreiseitigkeit der Kommunikation kommt grob vergleichbar

auch in anderen Kommunikationstheorien zum Ausdruck; etwa im

Organonmodell Karl Bühlers (Vgl. Kapitel 2.3.2) oder in der

Sprechakttheorie, in der auch zwischen Referenz (bzw. Propositi-

on), Verwendungssinn (= Anwendung eines Ausdrucks auf eine

bestimmte Situation) und Redeeffekt (Verstehen/ Wirkung) unter-

schieden wird. Dazu auch Luhmann, Soziale System, S.196f., ver-

ständlicher jedoch: Baraldi, Oaudio, Kommunikation, in: GLU.

Glossar zu Niklas Luhmans Theorie sozialer Systeme, Frankfurt

1997.S.89-93

28) Trifft beispielsweise ein Kommunikationssystem die Unterschei-

dung Säugetiere im Gegensatz zu anderen Arten, dann hat sich das

interne Wissen des Systems differenziert und die bisherige Klassi-

fikation der Tierarten wird weitgehend revidiert (Wale sind nun

keine Fische mehr).

29) Kneer/Naesshi, a.a.O., S.84.

30) Luhmann: Soziale Systeme, a.a.O., S. 213. Diskriminieren = unter-

scheiden

31) Nach Käsler, D: „Flug über den Wolken". Rezension von Niklas

Luhmanns 'Soziale Systeme', in: DER SPIEGEL 50(1984), S.188f.

32)So das Ergebnis einer Überschau bei Starnitzke, Dierk, Theorie-

bautechnische Vorentscheidungen, Differenzhandhabung und ihre

Implikationen, in: Krawietz, Werner/Welker, Michael (Hrsg.), Kri-

tik der Theorie sozialer Systeme, Frankfurt/Main 1992, S. 71

33) Kunzcik, Michael, Public Relations. Theorien und Konzepte,

Köln/Weimar/Wien 1993, S. 243 sowie Nassehi, Armin, Wie wirk-

lich sind Systeme? In: Krawietz/Welker, a.a.O., S. 59

34) Vgl. Habermas, Jürgen, Der philosophische Diskurs der Moderne,

Frankfurt/Main 1988, S. 436 und Schöfthaler, Traugott, Soziologie

als interaktionsfreie Kommunikation. Niklas Luhmanns leiden-

schaftlicher Antihumanismus, in: Das Argument 27(1985), S. 372-

382

35) Habermas, Jürgen/Luhmann, Niklas, Theorie der Gesellschaft

oder Sozialtechnologie - Was leistet die Systemforschung? Frank-

furt/Main 1971

36) Vgl. Habermas, Jürgen, Der philosophische Diskurs der Moderne,

a.a.O., S. 442

37) Luhmann: Soziale Systeme, a.a.O., S.369; wobei Korrespondenz-

fähigkeit nicht Verständigung meint, sondern sich auf die Mög-

lichkeit beschränkt, die psychischen Systeme füreinander beob-

achtbar zu machen.

38) Zum letztgenannten Aspekt vgl. Schmidt, Siegfried J., Kognitive

Autonomie und soziale Orientierung, Frankfurt 1996, S. 276-287

39)Dazu Klaus Merten, Evolution der Kommunikation, in: K.Mer-

ten/ Schmidt, S.J/Weischenberg, S. (Hrsg.), Die Wirklichkeit der

Medien, Opladen 1994, S. 141-162 sowie Weischenberg, Siegfried/

Hienzsch, Ulrich, Die Entwicklung der Medientechnik, a.a.O., S.

455-480.1

40) Hierzu insbesondere Ronneberger, Frank/Rühl, Manfred, Theorie

der Public Relations, Opladen 1992, S. 81-109

41) Ausführlicheres hierzu bietet die Theorie der Teilöffentlichkeit bei

Grunig, James E. und Hunt, Todd, Managing Public Relations,

New York 1984, S. 138 oder bei Signitzer, Benno, Public Relations

Forschung im Überblick, in: Publizistik 33(1986), S. 92-116, beson-

ders S. 101f.

42) In Entsprechung dazu verändert sich auch der Begriff der öffent-

lichen Meinung, die in systemtheoretischer Sicht zur fließenden

Themenstruktur wird.

43) Gatekeeper == Torhüter oder Schleusenwärter, beispielsweise die

Nachrichtenredakteure, die(mit)bestimmen, welche Informationen

letztlich über die Sender- oder Redaktionsschwelle gelangen.

44) Vgl. die Forschungsübersicht bei Saxer, Ulrich, Systemtheorie und

Kommunikationswissenschaft, in: Burkart, Roland/ Hömberg,

Walter (Hrsg.), Kommunikationstheorien, a.a.O. S. 91 - 112

45) Vgl. Saxer, U, a.a.O., S. 104

46) Zu erinnern ist an die Berichterstattung in den Fällen Barschel

(1987), Lady Di (1997) oder auch President Clinton (1998).

47) Vgl. dazu Willke, Helmut, a.a.O., S. 183ff

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

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