Teil  5:                         Zeichentheorie

 

 

1.  Vielfalt und Notwendigkeit von Zeichen

 

Kommunikation - in welcher Form auch immer - setzt einen Gegenstandsbezug voraus, und dieser wiederum verlangt eine sinnhafte Abbildung bzw. Repräsentation dessen, worauf sich die kommunizierenden Interaktionspartner beziehen, also ein Zeichen oder Symbol. Egal, ob wir an der Verkehrskreuzung auf das grüne Ampellicht warten, ob wir jemandem einen „Vogel“ zeigen oder ob wir über das Sein als solches mit Worten diskutieren: all dies tun wir unter Verwendung von Zeichen.

Kommunikation und Sprache müssen allein schon deshalb auf ein situationsunabhängiges Zeichenrepertoire zurückgreifen, damit Bedeutungen nicht nur einmal und zufällig, sondern wiederholt und verläßlich übertragen werden können. Insofern bilden Repertoires wie Lexika oder das Inventar unserer Gebärden einen Korpus, der - in Grenzen - unabhängig von aktuellen Sprechhandlungen betrachtet werden kann.

 

2.  Zeichenmodelle

 

2.1   Ferdinand de Saussure's bilaterales Zeichenmodell

 

Eine der frühesten Unterscheidungen, die die Sprachwissenschaft am Zeichen vorgenommen hat, war die Trennung in eine formale und eine inhaltliche Seite. Der Genfer Linguist Ferdinand de Saussure beschrieb das sprachliche Zeichen als ein doppelseitiges Blatt:(1) eine Seite stellt das Lautbild (als Bezeichnendes) dar, die andere Seite besteht in einer gedanklichen Vorstellung (als Bezeichnetes), die fest an das Lautbild geknüpft ist und von diesem hervorgerufen wird.

Dabei versteht de Saussure das Lautbild als im Psychischen repräsentierte Lautstruktur (als Werkzeug des Gedankens) und nicht als physikalische Erscheinung. Andere Ausdrucksformen, wie etwa das geschriebene Wort, können nur die physikalische Lautform ersetzen, nicht deren psychische Entsprechung(2).

 

 

 

                               Abb.1  Das bilaterale Zeichenmodell de Saussures

 

 

 

Die inhaltliche Seite des Zeichens, also die gedankliche Vorstellung eines Gegenstandes, wird nach de Saussure durch die Zeichenform repräsentiert. Die verbindliche Zuordnung zwischen beiden Seiten ist aus einer konventionellen Festlegung durch die Sprachgemeinschaft zu erklären. Die Vorstellung von einem Beinkleid relativ dauerhaft mit dem Ausdruck „Hose“ zu belegen, ist also das Ergebnis einer eingespielten Abmachung zwischen den Sprecherinnen und Sprechern einer bestimmten Sprache. Sprecherinnen anderer Nationalsprachen können deshalb zu dem gleichen Gegenstand „trousers“ oder „pantalone“ sagen.

Weil nun die Verbindung zwischen der formalen und der gedanklichen Seite des Zeichens auf einer Konvention beruht, kann die Zeichenform auch abstrakt sein. Eine Ahnlichkeitsbeziehung zum Gegenstand der Vorstellung ist nicht nötig, allerdings um den Preis der sinnlichen Anschaulichkeit. Diese Beliebigkeit oder Willkür in der Wahl der Zeichenform hat de Saussure als A rbitrarität bezeichnet? Als weitere charakteristische Eigenschaft des Zeichens erkannte Saussure zudem dessen Linearität. Zeichen können demnach immer nur in Ketten seriell verknüpft auftreten und nicht komplex verschachtelt wie Bildzeichen.

 

 

2.2   Das behavioristisch-pragmatische Zeichenmodell

 

Schon vor de Saussure hatte der amerikanische Logiker und Philosoph Charles Peirce (1839 - 1914) eine erweiterte Zeichentheorie entwickelt, das sogenannte triadische(4) Modell des Zeichens. Charles W. Morris, ein weiterer amerikanischer Vertreter der (verhaltensorientierten) Pragmatiktheorie, arbeitete das Modell deutlich später (ab 1938) weiter aus und modifizierte es in wichtigen Details. Das von Peirce und Morris dargestellte triadische Grundmodell berücksichtigt folgende Komponenten:


-  einen Zeichenträger (ein Wort- oder Lautbild),

-  einen durch den Zeichenträger aus gelösten Effekt in Form einer Vorstellung, Interpretation oder Verhaltensdisposition und

-  ein konkretes Objekt oder einen Sachverhalt, das/den das Zeichen anzeigt.

 

Obwohl sie den Zeicheninterpreten nicht als gleichwertige Größe in das Modell aufnehmen, schließen Peirce und Morris diesen als vierte Komponente explizit ein, und zwar als jenen Organismus, in dem durch das Zeichen eine Vorstellung (oder eine Verhaltensdisposition) hervorgerufen wird.

 

Abb. 2   Zeichenmodell nach Ch.W. Morris

 

 

Bereichernd bei beiden Autoren ist zudem die Annahme, daß Zeichen als Ergebnis eines zeichenvermittelten Interpretationsprozesses (der sogenannten Semiosis) verstanden werden, in dem ein reagierendes oder verstehendes Individuum in einem aktuellen Handlung- und Erfahrungsmomnet eine Vorstellung mit einem Zeichen verbindet.

Eine Person, die sich ohne Kenntnis irgendwelcher Spielregeln ein Eishockeyspiel ansieht und bemerkt, wie der Schiedsrichter mit ausgestrecktem Arm und Zeigefinger auf einen Punkt der Spielfläche hinweist, wird nicht gleich verstehen, was der Mann damit bedeuten will. Ist aber die Situation insgesamt bekannt und eingespielt, erschließt sich die Geste sehr schnell.

Der semiotische Prozess erschöpft sich demnach nicht allein in der mechanischen Zuordnung zunächst von Dingen zu Vorstellungen und dann von Vorstellungen zu Zeichen.(5) Nach Morris und Peirce ist er vielmehr auch ein Erkenntnisvorgang, in dem durch die Kopplung von Bewusstseinsinhalten an Zeichen die Wirklichkeit interpretiert wird und Bedeutungen als Erkenntnisbausteine gewonnen werden.


 

3.  Die vier Dimensionen des Zeichens

 

Zeichen werden - wie schon die bisherigen Modellvorstellungen gezeigt haben - immer als relationale Größen, d.h. in Beziehung zu etwas anderem, begriffen. Die allgemeine Sprachwissenschaft hat nun schulübergreifend vier wesentliche Zeichenbeziehungen unterschieden. Danach besteht

 

1.  eine syntaktische Beziehung zwischen zwei oder mehreren Sprachzeichen,

2.  eine semantische Beziehung zwischen dem Zeichen und der dadurch bezeichneten Vorstellung,

3.  eine pragmatische Beziehung zwischen dem Zeichen und der Person, die es situativ verwendet und

4.  eine referenzsemantische(6) Beziehung zwischen dem Zeichen und dem Objekt, auf das ein Sprecher damit  Bezug nimmt.(7)

 

Die dadurch eröffneten Untersuchungsbereiche werden dementsprechend mit Syntax, Semantik, Pragmatik und Referenzsemantik (manchmal auch Sigmatik) bezeichnet.

 

 

4.   Denotation und Konnotation

 

Die semantische Beziehung zwischen Vorstellung und Zeichen (Wort) ist für die Kommunikationspraxis insofern von besonderem Interesse, als sie für jede strategische Sprachplanung eine wichtige Rolle spielt. Bekanntlich variiert die Bedeutung von Zeichen in einer Sprachgemeinschaft beziehungsweise zwischen verschiedenen Sprachbenutzern, was durch verschiedene Handlungspraxen und Erlebnisse bzw. unterschiedliche Erfahrungen und Ansichten eines Sachverhalts zu erklären ist. So weitreichend und möglicherweise problematisch solche Bezeichnungs- und Bedeutungsdifferenzen jedoch sein mögen, eine Vermittlung des tatsächlich Gemeinten ist doch in den weitaus meisten Fällen zu erreichen.

Um das an einem einfachen Beispiel zu verdeutlichen: Eine Person bezeichnet ein vor ihr laufendes Tier mit „Hund“, während die andere das Tier vielleicht mit dem weniger freundlichen Ausdruck „Töle“ belegt. Trotz völlig verschiedener Lautzeichen beziehen sich jedoch beide Sprecher auf ein identisches „Objekt“. Aus dieser Beobachtung schlossen nun Linguisten und Philosophen(8), dass es einen für alle Sprecher verbindlichen Bedeutungskern geben müsse, nämlich das „typisch Hundhafte“ - denn andernfalls könnte man ja nicht über ein identisches Objekt reden. Um den Bedeutungskem herum müssen sich aber noch zusätzliche Vorstellungselemente gruppieren, in unserem Beispiel also solche, die dem Wort „Köter“ seine negative Prägung geben. Diese beiden voneinander unterscheidbaren Komponenten werden einerseits als Denotation (das ist der „objektive“ oder kognitive Begriffskem) und Konnotation (der subjektiv dem Bedeutungskern hinzugefügte Stimmungsgehalt,  Bedeutungshof oder „Gefühlswert) bezeichnet.(9)

Man kann auch sagen, die Konnotationen seien werthaltige Assaziationen zum wertfreien Begriffsinhalt. Letzterer wird als unabhängig von Redekontext und Situation angesehen, die Konnotation hingegen als an eine bestimmte Redesituation gebunden.

Gerade professionelle Kommunikatoren wie Journalistinnen, Öffentlichkeitsarbeiter oder Politiker machen sich diese Unterscheidung vielfach zu Nutze - einschließlich der Beeinflussungsmöglichkeiten, die sich daraus ergeben können. In der strategischen Kommunikation kann es beispielsweise darum gehen, noch nicht fest geprägte Begriffe einzuführen oder zu konterkarieren. Etwa wenn Sprachplaner und Begriffsschöpfer in politischer Absicht Begriffe einführen, um den Adressaten eine bestimmte Denkrichtung vorzugeben. Anschauliche Beispiele dafür sind die Ausdrücke „Nullwachstum für Stillstand oder Stagnation, "Freisetzung“ für Rausschmiss und Entlassung oder „Entsorgungspark“ für eine Atommülldeponie.(10)

 

 

5.  Zeichentypen

 

Im bisherigen Text waren mit „Zeichen“ fast ausschließlich sprachliche Zeichen gemeint. In kommunikativen Handlungen verfügen wir jedoch über eine größere Auswahl zwischen verschiedenen Zeichenarten oder wählen zwischen unterschiedlichen Zeichenrepertoires. Gut nachzuvollziehen ist dies am Beispiel eines Werbespots, in dem sorgfältig geplant und effektiv Wortzeichen, Bilder, musikalische Tonzeichen oder Gesten kombiniert werden können. Und damit sind bei weitem noch nicht alle möglichen Zeichentypen erfaßt.

 

Hinsichtlich der Verständlichkeit und Wirkung von Botschaften ist es wichtig, sich als Kommunikator oder Absender einer Nachricht über die Angemessenheit des Zeichenrepertoires (und innerhalb des Repertoires der Zeichenauswahl) bewußt zu werden. Denn die

Wahrnehmungsweise und Verarbeitung der gewählten Zeichen bei den Empfängern wirkt sich entscheidend auf deren bewußte und

unbewußte Reaktionen aus, was sich leicht an der unterschiedlichen emotionalen Wirkung von Sätzen oder Videosequenzen darlegen lässt.

Auch die Forschung hat sich ausführlich mit der unterschiedlichen Natur von Zeichen beschäftigt. Die Informationswissenschaft vorwiegend mit dem Signalcharakter von Zeichen, die Kommunikationswissenschaft mit bedeutungshaltigen Symbolen und die Semiotik mit Zeichen aller Art und Erscheinungsweise, z.B. mit Bildern, Mimik usw.(10) Eine einheitliche Typologie der Zeichen konnte allerdings bisher nicht aufgestellt werden - und ist auch angesichts der stark voneinander abweichenden Theoriefundamente und Beschreibungsinteressen nicht zu erwarten. Im Rückgriff auf die gebräuchlichsten Klassifikationsbegriffe der Zeichenlehre können wir jedoch folgende einfache Typologie vornehmen(11):

 

Natürliche Zeichen
Zu den in vielen Varianten vorkommenden natürlichen Zeichen gehören einerseits Symptome wie Blitze oder dunkle Wolken als

Anzeichen für Gewitter oder Gesichtsröte bzw. Zittern als Anzeichen für innere Erregung oder Aufregung (in diese Gruppe gehören ebenso alle Krankheitssymptome). Eine andere Untergruppe dieser Zeichenklasse bilden dagegen die Signale, etwa Warnzeichen in der Biokommunikation wie das Rasseln der Klapperschlange bei Gefahr oder auch Verhaltenssuslöser (trigger) wie das Kindchenschema. Natürliche Zeichen zeichnen sich dadurch aus, dass sie nicht intentional gebraucht werden und insofern keinen (inter)subjektiven Sinn transportieren, was aber nicht ausschließt, daß sie für ein interpretierendes Bewußtsein bedeutungsvoll sein können. Diese feine, aber wesentliche Unterscheidung trägt schließlich auch zu einer Grenzziehung bei zwischen Verhaltenssteuerung durch natürliche organische Zeichen einerseits und eigentlicher Kommunikation mittels intentionaler Wortzeichen.(13)

 

Künstliche Zeichen
Die künstlichen Zeichen sind im Gegensatz zu den natürlichen bewusst für kommunikative Zwecks gebildet worden. Sie werden deshalb auch konventionelle und arbiträre Zeichen (wie bei de Saussure) genannt(14), eben weil sie auf ‘Vereinbarungen’ beruhen und willkürlich geformt bzw. überformt werden. Die bekannteste Gruppe unter den künstlichen Zeichen bilden die sprachlichen Wortzeichen, doch sind dieser Klasse auch alle weiteren noch zu differenzierenden Zeichen zuzurechnen (die Adam Schaff „eigentliche“ oder intentionale Zeichen nennt(15).

Zu den intentionalen Zeichen (ohne Wortzeichen) gehören: die arbiträren, also bewusst hervorgebrachten Signale , die sich von den bereits erwähnten Signalen dadurch unterscheiden, dass sie nicht organisch oder physisch determiniert sind. Ihre Funktion und Bedeutung ist (relativ) streng festgelegt wie etwa im Flle von Ampel- oder Morsesignalen oder von willkürlichen Wamschreien(16). Außerdem haben sie einen stark vorschreibenden (präskriptiven) oder konditionierenden Charakter. Hierin liegt der Grund, weshalb die Werbung derartige reaktionsauslösende Zeichen so häufig verwendet, z.B. in Form von Farb-, Klang- oder Bildzeichen(17).

 

Ein weiterer Untertypus der intentionalen Zeichen sind die repräsentierenden Zeichen. Sie haben die Funktion, etwas anderes abzubilden oder zu vertreten und können nach Charles S. Peirce in Ikone und Symbole unterteilt werden.(18)

Ikonen begegnen uns im Alltag in vielen Ausdrucksformen: Als Verkehrszeichen (beschrankter „Bahnübergang“ oder „Schleudergefahr“, als Piktogramme in Stadien oder auf Flughäfen, aber auch als Logo oder Grafik. Allgemein lassen sie sich so beschreiben: „Ein Ikon wird von seinem Objekt durch seinen eigenen Charakter bestimmt, dh. der Charakter des Ikons (...) wird unmittelbar durch den Charakter (die Gestalt) des Objekts bestimmt. Ein Ikon hat mit seinem bezeichneten Objekt mindestens eine, meist aber mehrere Eigenschaften gemeinsam "(19).

 

Unter Symbolen versteht Schaff Zeichen materieller Natur, die abstrakte Begriffe repräsentieren, wobei diese Repräsentation „auf der sinnlichen, in der Form äußerlichen Vorstellung des abstrakten Begriffs durch das Zeichen beruht“(20). Bekannte Beispiele für Symbole sind die Waage der Gerechtigkeit, das Herz als Symbol der Liebe, die weiße Friedenstaube oder Hammer und Sichel als Symbol für den Kommunismus. Symbole sind in der Regel durch Geschichte und Mythologie gestiftete oder aus eingespielten Handlungszusammen-hängen abgeleitete abstrakte Vorstellungsgehalte, die durch ein Sinnzeichen repräsentiert werden.

Im Unterschied zur Definition von Schaff müssen Symbole in diesem Verständnis jedoch nicht ausschließlich in materieller Gestalt gegeben sein, sonder können auch in Form von Wort- oder Bildzeichen vorhegen, die dann gewissermaßen als Stellvertreter eines Stellvertreters fungieren. Das Wort „Rose“ kann also ebenso ein Symbol sein wie die Rose selbst.

 

Die Grenzen einer derartigen Klassifikation werden immer dann und dort deutlich, wo nicht eindeutig zu entscheiden ist, ob ein Zeichen natürlich ist oder künstlich, ob es intentional oder unbewusst ausgesandt wurde. Eine mimische Geste ist als körperliche Reaktion sowohl ein natürliches Zeichen als auch ein bedingt künstliches, wenn die Geste gezielt eingesetzt wird. Das entscheidende Kriterium hierbei ist also die Intentionalität. Letztlich kommt es darauf an, den Verwendungszusammenhang angemessen zu berücksichtigen.

Die Semiotik mit ihrem generalisierenden Ansatz dehnt schließlich den Zeichenbegriff so weit aus, dass alles, was uns umgibt, zum Zeichen ,für etwas' wird. Zeichen werden dann gleichgesetzt mit allem, was uns etwas „bedeutet“. Diese Vorstellung finden wir etwa auch in der Messe- und Veranstaltungskommunikation und im Kulturbetrieb wieder. Dort kann - bei gehöriger Interpretationshilfe - auch ein Kleid, ein Gebäude oder ein menschlicher Körper zum Ding-Zeichen erhoben werden. Diese Gruppe kollektiv geschaffener Kulturzeichen könnte man auch repräsentationale Zeichen nennen und von den subjektbezogenen, präsentationalen Zeichen (Wort, Geste, Blick usw.) unterscheiden.(21) Ding-Zeichen sind allerdings in noch stärkerem Maße als andere interpretationsabhängig, weil sie nur bedingt in ein System (oder Repertoire) eingeordnet werden können und erst in speziellen Verweisungszusammenhängen als Zeichen gemeint und verstanden werden. Daher ist auf die Frage: „Wann ist ein Ding nur ein Ding und 'wann ist es ein übersieh seihst hinausweisendes Zeichen?” kaum eine zweifelsfrei befriedigende Antwort zu geben; sie bleibt vielmehr als „Zeichen“ für einen offenen Interpretationshorizont potentiell immer gegenwärtig und verweist auf die reflexive und unabgeschlossene Form kultureller Symbolik.

 

 

6.   Zusammenfassung

 

Der Schweizer Wissenschaftler Ferdinand de Saussure war einer der Ersten, der sich mit Zeichensystemen systematisch beschäftigt und dafür eine Theorie der Semiotik bzw. der Zeichen begründet hat. Das Zeichen ist Saussures Auffassung zufolge eine lexikalische Einheit, die ein sprachliches Lautbild (Bezeichnendes) mit einer Bedeutungsvorstellung (Bezeichnetes) verbindet.

Aber bereits vor ihm hatte der amerikanische Philosoph Charles Peirce eine Zeichentheorie entwickelt, die von Charles Morris weitergeführt und in einem triadischen Modell Zeichenträger -Zeichenobjekt - Vorstellung dargestellt wurde. Zeichen sind nach Peirce und Morris Resultat eines Interpretationsprozesses innerhalb eines Erfahrungs- und Handlungskontextes. Zeichen ermöglichen und steuern die Interpretation von sozialer Realität.

Aus diesen Ansätzen der Zeichentheorie entwickelte sich eine allgemeine Sprachwissenschaft oder Semiotik, die sich auf vier verschiedenen Ebenen mit sprachlichen Zeichen beschäftigt:

Syntax, Semantik, Pragmatik und Signatik. Gleichwohl beschäftigt sich die Semiotik auch mit außersprachlichen Zeichen.

Die semantische Bedeutung von Vorstellung und Zeichen ist dabei von besonderer Bedeutung, weil sie in jeder strategischen Sprachplanung eine wichtige Rolle spielt. Die Zeichenbedeutung liegt jedoch nicht völlig fest, sondern variiert in ihrer Benutzung durch die Sprecher und in ihrer Abhängigkeit von der kommunikativen Situation. Bedeutungen bestehen aus einem ‘objektiven’ Kern und einem assoziierten 'Bedeutungshof'. Dieser Umstand schafft Spielräume für die strategische Bearbeitung von Bedeutungen, was von professionellen Kommunikatoren wie Journalisten, PR-Berater und nicht zuletzt von Politikern ausgenutzt wird.

Die Zeichentheorie unterscheidet verschiedene Typen von Zeichen: natürliche Zeichen und künstliche Zeichen. Künstliche Zeichen (die Sprache) sind im Gegensatz zu natürlichen Zeichen bewusst für kommunikative Zwecks gebildet worden. Sie sind konventionelle Zeichen, weil sie auf Vereinbarungen beruhen. Zu den künstlichen Zeichen gehören bewußt eingesetzt Signale, Ikone sowie Symbole. Symbole (z.B. eine Nationalfahne) werden in der Zeichentheorie verstanden als kulturell gestiftete Sinnzeichen für komplexe und abstrakte Vorstellungen.


 

 

Anmerkungen

 

1)  de Saussure, Ferdinand: Grundfragen der allgemeinen Sprachwissenschaft, 2.Aufl., Berlin 1967

2)  Bemerkenswert am Zeichenmodell de Saussures ist, daß der Sachbezug des Zeichens, der bezeichnete Referent, nicht direkt miteinbezogen wird, sondern nur die Vorstellung davon. Damit will de Saussure zum Ausdruck bringen, daß die „Objekte“ der Dingwelt nicht einfach fertig vor und unabhängig von den Vorstellungen bestehen.

3)  Das Wort stammt ab vom lateinischer ‘arbiter’ = Schiedsrichter, dessep Entscheidungen auch einer gewissen „Willkür“ unterhegen.

4)  Triade = Relation zwischen drei Komponenten

5)  Vgl. dazu Eschbach, Achim, Semiotik, in: Lexikon der Germanistischen Linguistik, Band 1, Tübingen 1980, S.44

6)  Referentiell bedeutet in diesem Zusammenhang: auf ein konkretes Objekt bezogen

7)  In der deutschen Sprachwissenschaft nennt der Erkenntnistheoretiker Georg Klaus die Beziehung zwischen Gegenstand und Zeichen dann sigmatisch,   wenn das Zeichen die objektive, d.h. die nicht subjektiv vorgestellte Realität widerspiegelt.

8)  Zu den Linguisten zählen beispielsweise Eis Oksaar, Carl Heupel, Karl-D. Bünting und Walther Dieckmann, zu den einschlägigen Philosophen John St. Mill und Gottlob Frege.

9)  Ausführlich dazu schreibt Walther Dieckmann: K.O. Erdmann und die Gebrauchsweisen des Ausdrucks „Konnotationen“ in der linguistischen Literatur, in: ders.: Politische Sprache - Politische Kommunikation, Heidelberg 1981, S.78-136.

10) Vgl. Achim Eschbach, a.a.O., S.43. Die hier angeführten Unterscheidungen zwischen Zeichentypen werden in Kap. 3.4 noch genauer ausgeführt.

11) Ihr liegt Adam Schaffs Systematik zugrunde, die jedoch nicht authentisch wiedergegeben wird. Vgl. Schaff, Adam, Einführung in die Semantik, Hamburg 1973, S. 166f.

12) Die Verhaltenslehre hat vielfach nachgewiesen, daß Menschen (wie auch verschiedene Tierarten) auf kindliche Körperschemata in einer weitgehend determinierten Weise (durch Zuwendung und Pflegeverhalten) reagieren.

13) Vgl. dazu den kommunikationstheoretischen Ansatz von Watzla- wick u.a. in Kap. 8.5

14) In der angelsächsischen Terminologie werden sie auch Symbole genannt, wobei der Ausdruck „Symbol' dann eine andere Bedeutung als bei uns hat, wenn wir damit „übertragene“ Zeichen meinen.

15) Schaff, a.a.O.

16 Vgl. Bentele, Günter /Bystrina, Ivan, Semiotik. Grundlagen und Probleme, Stuttgart u.a., 1978, S.61

17 Gerade am Beispiel der Werbung ist jedoch zu erkennen, daß hier die künstlichen Signale absichtsvoll auf die Reizauslösungsfunktion der Signalei zurückgreifen, so daß eine klare Unterscheidung häufig nicht möglich ist; siehe beispielsweise das genannte Kindchenschema oder auch sexuelle Signale.

18) Vgl. dazu die Ausführungen bei Bentele/Bystrina, a.a.O., S. 20 ff.

19) Ebenda., S. 23f.

20) Ebenda, S.62

21) In bezug auf den Codebegriff stammt diese Unterscheidung von Manfred Faßler, a.a.O., S. 34f.

 

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© André Lundt